Ganz früher war das Leben total einfach. Es gab ein paar Adlige und Geistliche die bestimmten, was man denken und machen durfte. Sie mordeten, folterten und machten auch sonst, was immer sie machen wollten.
Irgendwann kam die Aufklärung, die Wissenschaft und natürlich der Buchdruck (die Reihenfolge kann sich jeder nach belieben selbst ausdenken). Der Buchdruck selbst war natürlich erst mal nur eine mechanische Sache. Führte aber in Folge zu erschwinglicher Bildung für Jedermann/Jederfrau.
Anfangs konnten die wenigen Gebildeten die vielen Ungebildeten mit Schauermärchen im Griff halten: “Tue dies nicht, weil dich sonst der Teufel holt oder dein Lord dich halt auf dem Marktplatz hinrichten lässt!”
Dieses System funktionierte sehr sehr lange.
Dann überrollte die Bildung, die Aufklärung und das Wissen die Gesellschaftsformen. Man ging vermutlich noch auf den Marktplatz, um wieder eine Hexe brennen zu sehen, aber man dachte eventuell auch darüber nach, ob das eigentlich irgendeinen Sinn macht, also das Hexen verbrennen.
Irgendwann brannten dann die Adligen. Das wurde dann sicherlich von den vielen, also dem Mob, nicht hinterfragt, war es doch eine logische Konsequenz aus der gewonnenen Bildung.
[Zeitsprung]
Wir wissen heute nicht, zum Glück, wie es damals wirklich war. Was wir aber wissen, ist, dass die Bildung der eigentliche Motor der Vernunft war. Natürlich gesäumt von vielen unvernünftigen Momenten (brennende Adlige). Im Namen der Bildung, wir sagen heute “Im Namen des Volkes” dazu, wurde das umgesetzt, was die Aufklärung formulierte: Freiheit und Gerechtigkeit für jeden.
Vor der Onlinewelt, also diese grauenhafte mittelalterliche Zeit noch ohne das Internet, war der Bürger, der eine Bildungskarriere erlebte (Grundschule und alles danach), nicht in der Lage den “Großen” (Politiker, Parteien, Regierung) mal so richtig die Meinung sagen. Das “denen mal die Meinung” sagen, wurde von den Medien übernommen. Der Bürger durfte sich indirekt über Leserbriefe an die Medien beteiligen. Und natürlich immer auch mal wieder durch die Wahl der Regierung. Faktisch war aber der Bürger in ähnlicher Situation, wie damals der Zuschauer auf dem Marktplatz. Die Medien richteten öffentlich irgendwen hin, der Bürger guckte zu und fragte sich Dinge oder nickte. Es war egal.
Dann kam das große alles verändernde Ding. Das Internet. Jetzt konnte jeder sagen was er wollte und konnte auch von jedem gelesen werden. Öffentliche Meinung äussern und besitzen und auch gefunden werden können, war jetzt nicht mehr eine besondere Kunst der Verlage und Journalisten, sondern Allgemeingut. Das Internet ist das Ideal der Aufklärung. Ein Mensch, eine Stimme. Natürlich kämpfen heute die verschiedenen Strukturen gegeneinander. Diejenigen die ihre Macht verlieren werden, die Politiker im Verbund mit den Medien gegen die Bürger die nur sich haben. Der Kampf dauert gerade an. Jeder der Online etwas gespür für die vielen Zeichen hat, kann das sehen und sieht es ja auch. Die Medien verteufeln alles, was im Internet so ist, während die Politiker die Schützenhilfe in Form von Gesetzen liefern. Was natürlich gut zu verstehen ist, immerhin hat das System Politiker und Verlage lange funktioniert. Die einen gaben und wurden nicht zu hart rangenommen, die anderen konnten “Exklusiv” berichten und machten Gewinne satt.
Die Postaufklärung, also das Aufarbeiten der dunklen revolutionären Zeiten, brachte dann die Erkenntnisse, dass der Mob, also der Bürger, leider auf sich alleine gestellt, auch kein Ideal ist. Ganz im Gegenteil. Ist der Mob erst mal aktiv, fallen willkürlich Köpfe. Die schlauen Philosophen der damaligen Zeiten entwickelten aus den Erkenntnissen unter anderem auch die Gewaltenteilung des Staates. Es gibt die Gesetzgebung, die Vollziehung und die Rechtsprechung.
Zu diesen drei Machtpositionen wurde dann noch die vierte Macht, als “Überwacher”, ausgerufen, die freie Presse sollte allen auf die Finger gucken. Irgendwie funktionierte das, aber auch irgendwie nicht so richtig. Im Netz wurde plötzlich die vierte Gewalt von den Bürgern zuerst kritisch betrachtet, dann massiv überwacht. Der Bürger an sich, der in jeder der vier Machttypen immer auch enthalten ist, Politiker, Richter, Journalisten usw. sind ja auch Bürger, erkannte irgendwann, dass er zwar Theoretisch dazugehörte, aber eben Praktisch niergens Einfluss nehmen konnte, weil sich die einzelnen Machtzirkel gegen alles abgrenzten. Jeder kann zwar Journalist werden, aber kaum einer kann wirklich Aufklärungsarbeit leisten, weil die Verleger, die Adligen unserer Zeit, eben die Richtung der jeweiligen Medien bestimmen. Wer sich als Journalist nicht einfügt, wird keine Anstellung finden. Jeder kann auch Politiker werden bzw. es versuchen. Man wird aber nur dann Politiker, wenn man den Willen der Parteien bedingungslos erfüllt. Jeder kann auch Richter oder Polizist werden, aber nur dann wirklich darin bestehen, wenn man das System als ganzes nicht hinterfragt.
Der Bürger ahnte all das ja schon lange. Dann kam die Freiheit. Im Netz bildete sich eine Blogosphäre. Der einzelne Mensch konnte plötzlich in ungeahnter Freiheit das öffentliche Leben prägen, mit etwas Fleiß auch die klassischen Medien vorführen oder einfach nur was über seine Katzen erzählen. Die Anfänge dieser Bewegung waren dadurch geprägt, dass die klassischen Medien laut über die “Blogger” lachten, sie missachteten und sie lächerlich machten. Irgendwann ging den Medien ein Licht auf:”Ups, die überwachen uns ja. Vrdmmt!”
Dann ging es schnell:
Die Politiker und die Medien verbündeten sich, gründeten geheime Absprachezirkel und fuhren eine negative PR-Kampagne nach der anderen gegen das Internet. Der STand der Entwicklung ist heute der, dass das Internet negativer kaum sein kann. Also zumindest was das Image in der Öffentlichkeit angeht. “Internet? Uuuhhh..schmutziges kriminelles Etwas!”
Wann immer und wo immer die Medien und/oder Politiker etwas zum Internet sagen, dann hängt da immer ein Hauch von Verachtung mit dran. Natürlich nur dann nicht, wenn die Medien und/oder Politiker etwas über ihre eigenen Sachen im Netz sagen/schreiben. Aber das Internet, also all das, was nicht die Medien und/oder Politiker selbst im Internet machen, ist quasi eine sexuelle Tabuzone. Im Internet der Bürger herrscht Anarchie und totale moralische Verkommenheit. Natürlich ist die Intention der Medien und Politiker keine bessere Moral oder bessere Weisheit, sondern der schlichte Kampf um den Erhalt der eigenen Machtpositionen.
Irgendwie ahnen wir auch das. Aber die PR-Kampagnen sind stärker. Viele von den Onlinebürgern fühlen sich heute auch irgendwie “Unmoralisch” und “Verkommen”, wenn sie etwas in dieses fiese Internet schreiben. Diese Grundstimmung führt dann auch häufig dazu, dass viele der Onlinebürger, meistens die, die eben nicht von Anfang an dabei waren, dieses Internet auch genau so betrachten und auch nur so nutzen. Diejenigen die Hoffnungen in das Internet hatten, dass es die Aufklärung beschleunigt, die Demokratie weiter festigt, sehen heute vieles kritischer.
Die Hoffnungen für mehr Transparenz werden mit immer mehr Gesetzen eingefroren. Hier in Deutschland hat sich das Abmahnungswesen breitgemacht. Ein höchst unrechtliches antidemokratisches Wesen. In einer funktionierenden Demokratie gibt es keine kostenpflichtigen Abmahnungen. So etwas gibt es nur in Systemen, die bewusst wollen, dass der Bürger nie frei seine Meinung sagt, sondern Angst davor hat, auf enormen Kosten am Ende sitzen zu bleiben. Dieser Einschüchterungs-Zirkel besteht nach wie vor, warum lassen wir Bürger uns das eigentlich gefallen? Jeder von uns hat das Recht, seine eigene Meinung auch Online sagen zu können, ohne das man dafür mit einem Kostenschwert erschlagen werden kann. Wir kennen die Beispiele die Online passiert sind. Gerade die Abzocker haben immer wieder gezeigt, wie sie dieses Rechtssystem beugen. Wir alle kennen die höchstmerkwürdigen Urteile eines Hamburger Richters.
Der Kampf dauert an. Die Hoffnungen sind noch nicht gänzlich verschwunden. Irgendwann wird der Bürger mit seiner geballten Kraft auch dieses System der Einschüchterung bezwingen. Vielleicht können die Piraten irgendwann, wenn sie denn endlich mal das machen, was viele in ihnen sehen, nämlich einen neuen Weg in der Demokratie in Form des Aufbrechens der alten Parteistrukturen, die Hoffnungen erneuen und festigen.
Was mir aber gerade viel mehr Sorgen macht, ist genau das, was Rechtsgelehrte von je her fürchten, nämlich den Mob der Straße. Ist der Mob erstmal entfesselt, dann gibt es keinerlei Vernunft und Abwägung mehr. Der Mob hat früher die Lords durch seine Anwesenheit auf den Marktplätzen gestärkt und feiert heute fröhlich öffentliche Pranger, auf dem freie Menschen sich dafür entschieden, z.B. Werbung für eine Firma zu machen.
Jeder einzelne Mensch hat auch die Freiheit, sich für oder gegen eine Firma zu entscheiden. Wer Werbung für Landminenhersteller macht, darf mit Recht als Mördergehilfe bezeichnet werden. Allerdings geht es bei dem oben verlinkten Shitstorm, im Grunde, genau um gar nichts, ausser einer geschlagenen Moralkeule. Der Mob schlägt mittlerweile im Web mit immer größeren Moralkeulen um sich. Wer da nicht per se Oberheilig ist, muss mit vernichtenden negativen Mobreaktionen leben. Das war nie das Ziel der Aufklärung. Selbst die absolut unheilige Kirche, unheilig im Bezug auf ihre Taten in der Vergangenheit, reagiert heute nicht mehr in diesen Moralkategorien. Der Onlinemob formiert sich heute zur Überheiligkeit. Wer nicht absolut gegen alles ist, was der Mob gerade will, der wird öffentlich wirksam angeprangert.
Diese Entwicklungen zerstören jegliche Hoffnungen, die mit dem Internet verbunden waren und sind. Als freiheitsliebender Mensch sehnt man sich nach einem starken Staat der diesen Mob unter Kontrolle hält. Dies ist im Grunde eine Perversion der Hoffnungen, in denen es ja gerade darum geht, dass der Bürger dem Staat seine Grenzen aufzuzeigen hat. Der Onlinemob sollte sich endlich wieder darauf besinnen, für was Online gekämpft werden muss. Wenn in Frankfurt bei einer friedlichen Demonstration (#blockupy) der Staat mit völlig unverhältnismässiger Gewalt anrückt, dies im Web erkennbar wird, dann sollte sich ein Mob der Empörung darüber bilden. Das sind wichtige Ziele.
Wenn ein Blogger sein Fehlverhalten der Vergangeheit beschreibt, ein anderer Blogger sich dazu äussert, dann sollte sich kein Mob gegen diese beiden Blogger “vereinen“, sondern es sollte miteinader diskutiert werden. Das Stellvertreterverurteilen, also die Suche nach Schuldigen für eigenes erfahrenes Unrecht, ist kein Zeichen von Reife und/oder Erkenntnis, sondern nur das Zeichen dafür, dass man sein Päckchen, das jeder auf die eine oder andere Weise mit sich herumträgt, noch immer nicht verarbeitet hat. Den moralischen Zeigefinder kann immer Jeder und überall zeigen. Es gilt aber für die Zukunft, also das besser werden der Demokratie, immer dann inne zu halten, wenn die einzige Argumentation die Moral ist.
Man muss dem Robert Basic nicht zustimmen, mit dem was er da geschrieben hat, man kann aber nachdenken und sich fragen, ob er jetzt, weil er zugibt früher ein Arschloch gewesen zu sein, auch zwangsweise heute noch eins ist und darüber hinaus, ob er jetzt als Stellvertreter für all die Arschlöcher herhalten muss.
Kinder sind per se nicht heilig, sondern kämpfen ihre Kindheit hindurch und wollen Grenzen erkunden. Früher in der 1. Klasse hat praktisch jeder Junge mit jedem anderen Jungen die Fäuste getauscht. Irgendwann war das dann Geschichte. Sind jetzt aber alle Jungen von Früher verkappte Täter oder eben “nur” Kinder gewesen? Man kann die Frage mit Moral beantworten und auf die Fresse fallen oder eben mit Vernunft. Dass dann sogar dem Ix von Wirres in dem oben verlinkten Beitrag, in den Kommentaren, eine versteckte Täterschuld untergeschoben wird, grenzt ans Absurde.
Wenn der Onlinemob seine Einstellung nicht verliert und heiliger als der Papst sein will, dann wird das am Ende jegliche Hoffnung auf Erneuerung der Gesellschaften aushebeln, denn irgendwann wird und muss der Staat dann massiv eingreifen. Dies wird dann aber wieder dazu führen, dass die Entwicklung gebremst wird, genau so, wie die Entwicklung der Wissenschaft über Jahrhunderte hinweg durch die Kirche gebremst wurde.
PS: Gehen wir mal davon aus, dass Politik nicht einfach “nur” so passiert, sondern auf Strategien aufbaut, dann könnte es übrigens durchaus sein, dass sich gewisse Strategien den Onlinemob bewusst nützen werden, um dann eben eine Rechtfertigung für weitreichende Gesetzesänderungen zu finden. Es wäre also durchaus denkbar, dass Online bewusst der Mob “simuliert” wird, um daraus die Rechtfertigungsgründe ziehen zu können. “Oh guckt mal da..der Mob fordert Lynchen, Hinrichtung usw. usf. .. jetzt müssen wir als Staat leider eingreifen mit folgenden Gesetzen..”
Gegen solche Gesetze dann anreden zu wollen, wird schwer werden. Dies war ja auch das typische Vorgehen bei Demonstrationen. Vermummte Beamte mischen sich unter die Demonstranten und werfen Steine, jetzt kann die Demonstration mit Gewalt aufgelöst werden, später in den Medienberichten wurden dann die Szenen der Steinewerfer gezeigt und alles war OK. Die Politiker brauchten dann nur noch von Steinewerfern reden und war sich der Mehrheit gewiss. Dieses System funktionierte übrigens bis Stuttgart 21. Auch dort wurde es versucht, konnte aber zum Glück auch durch das Internet widerlegt werden.
Schaffen die Onliner es innerhalb kürzester Zeit nicht, ein Onlineklima der Endmobbung zu erreichen, dann kann jede Gruppe durch Provokateure, die Online Mob simulieren, für verschärfte Gesetzesänderungen sorgen. Den Willen der Staaten die Onlinebüchse der Freiheit wieder schliessen zu können, kann man sofort beobachten, wenn man sich die vielen Versuche der Überwachung gerade in unserer Zeit bewusst macht. Das ist also keine Verschwörungstheorie, sondern vermutlich die nahe Zukunft.





