Blogtalk mit Madame Modeste

Liebe Leser, am 17.04.06 ab 21:00 Uhr findet hier in diesem Blog Live, in Farbe und Stereo, wieder eine Blogtalk-Show statt. Der Weltherrscher lädt ein, der nächste Gast ist Madame Modeste. Wer sie nicht kennt, sollte einfach in ihrem Blog vorbeischauen…

Wer Lust und Laune hat den Blogtalk am 17.04. ab 21:00 Uhr zu besuchen, der sollte diesen Artikel im Auge behalten. Wie das geht? Ganz einfach, diesen Artikel öffnen und ab und zu Aktualisieren (F5). Die Fragen und Antworten werden im Hintergrund gestellt und dann von mir hier eingefügt werden. Meine Untertanen können übrigens in den Kommentaren gerne auch Fragen stellen, quasi aus dem Off, aber schneller und besser, nicht vergessen wir sind im Internet..:-))

Die Talkthemen werden u.a. sein:
- Blogs
- Blogesungen
- Blogliteratur
- u.v.a.

Blogtalk heute mit Madame Modeste ab 21:00 Uhr:

Bloggerator: Ich Grüße meine UntertanInnen und natürlich meinen nächsten Gast Madame Modeste.
War der Osterhase auch bei Dir?

Madame Modeste: Nein, das ist eigentlich ein veritabler Skandal, und ich freue mich über die Gelegenheit, die ganze Welt und ihren Herrscher wissen zu lassen, dass mein Vater mir dieses Jahr erstmals kein Osterpäckchen geschickt hat.

Bloggerator: Wirst Du darüber auch eine Geschichte in deinem Blog schreiben?

Madame Modeste: Nun, wenn ich das Päckchen, das man mir nachträglich aufgrund meiner Bestürzung über die ausbleibende Post zugesagt hat, in den nächsten Tagen erhalte, sehe ich über den väterlichen faux-pas noch einmal hinweg und werde Stillschweigen bewahren.

Übrigens eine nicht zu verachtende Funktion des Bloggens: Der Blogger als Erpresser. Der Ausruf Das blogg’ ich, und alles erbleicht.
Nur am Rande möchte ich noch erwähnen, dass auch andere Menschen mir kein Osternest gefüllt haben, obwohl ich letzte Woche bei Minimal in der Kulturbrauerei mehrmals auf den Goldhasen von Lindt im Schokoei mit vergoldetem Minihasen von Villeroy&Boch dazu hingewiesen habe.

Bloggerator: Der Blogger als Erpresser? Oder ist das eher Mitleid?

Madame Modeste: Ob ich den Goldhasen aus Mitleid oder Angst bekomme, ist mir egal.

Bloggerator: Warum bloggst Du?

Madame Modeste: Letztlich wohl aus Mitteilungsbedürfnis. Das klingt jetzt etwas sehr simpel, aber ich schreibe gern, und ich freue mich, wenn’s gelesen wird.

Bloggerator: Kennst Du deine Leser?

Madame Modeste: Ja, ich bin ja Berlinerin, und treffe deswegen, wie man vor allem außerhalb Berlins ganz genau weiß, immerzu andere Blogger, mit denen ich kegele, lese, trinke oder frühstücke. Außerdem lesen bei mir ja auch Freunde und Bekannte mit, die kenne ich natürlich auch.

Aber natürlich kenne ich nicht alle Leser. Ich freue mich aber, wenn Leute nach Lesungen kommen und sich vorstellen, und bin ein bißchen enttäuscht, wenn ich nach Lesungen irgendwo lese, dass X oder Y incognito auch da war, mir aber nicht die Hand geschüttelt hat. Ich finde das nett, ich treffe gern Leute.

Bloggerator: Schreibst Du über manche Sachen/Dinge auch bewusst nicht, weil Du auch Teile deiner Leser kennst? Was bedeutet Dir dein Blog in diesem Zusammenhang, ist es auch ein Teil deines Lebens geworden?

Madame Modeste: Ja, ganz klar. Ich weiß nicht, ob nur ich das so empfinde, aber die Blogosphäre bekommt von Monat zu Monat mehr “Gesicht”, die Blogger kennen sich, kennen sich teilweise sehr gut, und natürlich erlebt man mit Menschen, die man über ihr Blog kennt, eigentlich erzählenswerte Geschichten, die man dann nicht schreiben kann oder will. Genauso geht es einem ja aber mit Freunden und Bekannten, die auch mitlesen: Über die schreibt man auch nur das, was man gemeinsamen Bekannten auch erzählen würde. Man muss ja davon ausgehen, dass sich etwa auf meinem nächsten Geburtstag ein Haufen Leute treffen wird, die über das Blog dann ganz viel übereinander wüssten, was sie vielleicht nicht jedem Anwesenden erzählen würden.

Bloggerator: Du hast, obwohl Du ein eigenes Blog hast, trotzdem noch Geheimnisse?

Madame Modeste: Selbstverständlich weiß ich, was ich meinen sensationshungrigen Lesern schuldig bin, und schütte alles, was durch mein Gehirn oder mein Leben läuft, unverzüglich und ungefiltert ins Internet.

Nein, im Ernst, dass man mit einem Blog, in dem man Geschichten aus dem eigenen Leben zum Besten gibt, auch ein voyeuristisches Interesse bedient, ist natürlich klar. Dass man da eine Grenze zieht, jenseits derer Blicke unerwünscht sind, ist auch klar, und dass es sehr, sehr viel gibt, was man ebenso wenig ins Blog schreibt, wie man es jedem erzählen würde, der gerade im Café Einstein sein Schnitzel isst, versteht sich gleichfalls von selbst. Ich bin immer ein bißchen verärgert, wenn ich das Gefühl habe, meine Leser interessieren sich weniger für meine Geschichten als für mich als Person. Das mag naiv sein, aber man zieht Grenzen natürlich nicht, damit sie überrannt werden. Ich bin zum Beispiel immer wieder mächtig enttäuscht, wenn ich Essays schreibe, was ich manchmal und gern tue, und da kaum Kommentare kommen. Da sitzt man dann vorm Rechner und es hallt einem aus den Tiefen des Netzes entgegen: Wen interessiert Alkibiades oder Nietzsche – was macht die Liebe, Fräulein Modeste??? – Aber vielleicht liege ich da auch daneben.

Ich will aber, das sei an dieser Stelle einmal angemerkt, auch nicht von allen Leuten alles wissen, irgendwelche Unterhosengeschichten meinetwegen müssen schon sehr, sehr gut geschrieben sein, um mich nicht peinlich zu berühren. Gut geschrieben geht natürlich so gut wie alles, da kann ein Text von verschimmeltem Brot handeln, und ich finde den toll.

Bloggerator: Ich will in den nächsten Blogtalks einer wichtigen Frage nachgehen, die Lupo im Blogtalk mit Ix von Wirres.net stellte:”..Ich hätte noch eine brisante Frage: Ist Bloggen letztlich nur was für frustrierte Singles mit zuviel Freizeit?..”
Mal sehen, ob Lupo vom Bildblog da richtig lag, oder ob man ihnen das Gegenteil beweisen kann.

Madame Modeste: Das finde ich jetzt eigentlich nicht so richtig brisant, sondern bloß ein bißchen absurd. Da steht ja letztlich die Vorstellung dahinter, die Leute hätten Blogs, weil sich ihnen die Tätigkeiten verschließen, die sie eigentlich gern ausüben würden. Ganz oben auf der Wunschliste der gelungenen Freizeit säße man dann mit seinem Freund kuschelnd auf dem Sofa, knapp drunter geht man mit ganz vielen tollen und gutaussehenden Menschen in angesagte Clubs, und ganz unten sitzen irgendwelche traurige und unansehnliche Leute ohne Freund und ohne Chance bei Türstehern mit Pickeln vor ihrem Rechner, kauen kalte Pizza und bloggen ein bißchen herum, weil sie da Aufmerksamkeit bekommen, die ihnen sonst keiner gewährt, der sie sehen kann.

Ich will gar nicht ausschließen, dass es das geben mag, aber für den Teil der Blogosphäre, den ich kenne, gilt das, denke ich, nicht. Da ist die Motivation zum Bloggen ja nicht, dass die Leuten gelangweilt und einsam sind und sonst nicht wissen, wohin mit sich, sondern dass sie eben gern schreiben. Dass das Vergnügen am Schreiben nicht einfach so durchs Kuscheln oder Ausgehen substituiert werden kann, versteht sich natürlich von selbst. Wenn ich gern Tennis spiele, verschwindet der Wunsch nach dem Tennis ja auch nicht, wenn ich auf einmal die Möglichkeit bekomme, zu segeln. Dass die Zeit für Tennis und Segeln, für Leben und Bloggen, irgendwann knapp wird, zumal, wenn man arbeitet, ist klar, aber soviel Zeit stecke ich nicht in mein Blog, und ich denke, dass die wenigsten das tun.

Bloggerator: Haben bei Dir schon Verlage angefragt?

Madame Modeste: Nein, und ich wäre, bar jeder Koketterie, auch erstaunt, wenn das der Fall wäre. Die Blogger bejubeln sich ja gern gegenseitig und schreiben sich die irrwitzigsten Komplimente in die Kommentare. Wenn diese Komplimente für bare Münze zu nehmen wären, wären wir alle Marcel Proust.

Mit dieser Äußerung mache ich mich jetzt vermutlich nicht gerade beliebt, aber das wenigste, was im Internet steht, taugt auch auf Papier. Das hat einen Haufen Gründe, unter anderem den, dass man nicht en passant und dreimal die Woche morgens beim Tee Literatur produzieren kann. Zudem kann nicht jeder, der über ein, zwei DINA4-Seiten eine Geschichte erzählen kann, auch eine Geschichte erzählen, die über 200 Seiten trägt, das ist etwas anderes.

Kurz gesagt, ich mag mein Blog, ich mag meine Texte, sonst würde ich sie nicht öffentlich machen und immer wieder auch öffentlich lesen, aber Literatur ist es etwas anderes, und eine gedruckte Version meines Blogs würde meinen Fähigkeiten als Schreiberin kein besonders positives Zeugnis ausstellen. Ich denke aber, und weiß es ja auch von einigen, dass der eine oder andere geschätzte Mitblogger an einem Roman strickt, von dem ich hoffe, dass er die Vorzüge seines Blogs mit den Notwendigkeiten eines Romans vereint. Ich bin gespannt. Dass aber ein vielgelesenes Blog die Chance auf einen Buchvertrag erhöht, das kann ich mir kaum vorstellen, dafür sind auch die vielgelesenen Blogs nicht vielgelesen genug, und nicht jeder, der kostenlos liest, würde sich auch ein Buch des Bloggers kaufen.

Bloggerator: Sollten die Verleger da andere Geschäftsmodelle versuchen, z.B. Sponsoring, Monatsgehalt u.v.a.? Eine gut besuchte Seite kann ja auch für Verleger Interessant werden: Wer gut schreibt und Besucher hat, der zieht vor allem auch Leser an, die sicherlich auch gerne Bücher kaufen oder?

Madame Modeste: Wozu? Ich bin nicht darauf aus, mit meinem Blog Geld zu verdienen. Ich habe schon einen Beruf. Ich möchte amüsieren, mich und andere, und ich mag das Sinnfreie, Spielerische am Bloggen. Ich habe auch keine Lust, mich in eine Art Animateurin zu verwandeln, eine Dienstleisterin mit einem literarischen Unterhaltungsauftrag. Ich möchte schreiben können, was und wie ich will. Ich möchte eine Woche lang über ganz besonders groteske Heilige schreiben können, gar nicht schreiben, oder immerzu über den Tod und Sahnetorten referieren, solange, bis sogar meine sehr verehrten Lieblingsleser beim Anblick von Friedhöfen und Konditoreien manifeste Ekelgefühle ergreifen.

Damit man mich nicht falsch versteht: Ich habe nichts dagegen,wenn andere Leute aus ihrem Blog ein Geschäft machen möchten. Geld verdienen ist ja schließlich alles andere als verwerflich und überhaupt jeder sollte das tun. Ich ziehe es aber vor, mein Geld woanders zu verdienen, und, ein bißcen hochstaplerische Metapher, kein Kaffeehaus im Netz zu betreiben, sondern einen Salon.

Bloggerator: Sind Blogger reine Individualisten oder nur ein Teil des großen Rudels oder irgendwie beides oder weder noch?

Madame Modeste: Das ist jetzt ein Satz aus nichts als Binsen, aber DIE Blogger gibt es ja gar nicht. Natürlich verbindet die meisten Blogger ein gewisser Mitteilungsdrang und eine gewisse Internetaffinität, aber ansonsten ziemlich wenig. Da gibt es dann eben Eigenbrötler und Gesellschaftslöwen, Leitwölfe und Passanten und brave Gefolgsleute, die jeden Satz ihres Haushelden bejubeln als habe gerade der Messias zu ihnen gesprochen. Die meisten Blogger bewegen sich ungefähr so durchs Netz wie durch ihr Leben, nehmen ab und zu Partei, wenn sie von einer Ungerechtigkeit erfahren, und hin und wieder lassen sie sich auch einmal dazu bewegen, sich für oder gegen etwas auszusprechen. Ansonsten wollen die meisten Betreiber eines Blogs nichts, als eben ein Blog zu betreiben. Eine “Bewegung” oder so etwas formiert sich da nicht, und viel von dem Gerede von direkter gesellschaftlicher Kommunikation etc., Graswurzeljournalismus, Teilhabe an Kommunikationsprozessen vorbei an den etablierten Medien etc., kann ich schlicht nicht nachvollziehen. Das gibt es, aber es betrifft mich nicht, und kaum eins der Blogs, die ich lese.

Bloggerator: Was sind Bloglesungen für Dich?

Madame Modeste: Spaß. Ich lese gern, ich lasse mir gern vorlesen, ich lerne gern Leute kennen. Lesungen sind zudem eine großartige Gelegenheit, Blogs kennenzulernen, an denen man bisher immer vorbeigelaufen ist, und ich hoffe, dass die Gäste der Lesungen, die Wortschnittchen und ich bisher organisiert haben, einen großartigen Abend mit großartigen Texten hatten, Leute kennengelernt haben, die sie noch nicht kannten, und am nächsten Tag begeistert ein paar neuentdeckte Blogs bookmarken.

Bloggerator: Wie viel Arbeit steckt in so einer Bloglesungsveranstaltung? Was müsst ihr da alles beachten? Organisieren usw.?

Madame Modeste: Das geht ganz einfach, der organisatorische Aufwand hält sich in Grenzen. Man überlegt sich, ob man “offen” lesen lässt, oder ein Motto wählt. Hat man ein Motto, bei uns beim letzten Mal das Thema “Essen”, dann ergeben sich einige Blogger als Wunschkandidaten ja ganz von selbst. Ansonsten fragt man diejenigen, die man gabnz besonders gern liest, schreibt alle an und versucht, einen Termin zu finden. Dann braucht man nur noch einen Raum, der die technischen Möglichkeiten bietet, also meinetwegen Lautsprecher etc. Man braucht die Technik, also ein Mikro, einen Verstärker, so etwas, jemand muss einen schönen Teaser bauen, und spätestens eine Woche vorher oder so gibt man den Temrin bekannt.

Nicht zu unterschätzen: Die Reihenfolge der Texte muss vor der Lesung feststehen. Ein Brüller wirkt neben einem ganz leisen, eher filigranen Text leicht plump und derb, ein leiser Text kann sang- und klanglos untergehen, und deswegen müssen die Texte rechtzeitig da sein. Da läuft man dann teilweise den Texten fürchterlich hinterher, aber die Arbeit lohnt sich. Dann braucht man noch eine gute Moderation, und der Abend müsste eigentlich laufen.

Wenn man allerdings noch irgendwelche Extras hat, so wie unser Mitbringbuffet am 1. April, dann kann es auch einmal etwas komplizierter werden, ansonsten hält sich der Aufwand wirklich in Grenzen.

Bloggerator: Wir sind jetzt fast zwei Stunden dabei. Ich Bedanke mich bei Dir. Zum Schluss noch: Was meinst du, wie wird sich die Bloggerei entwickeln? Und was würdest Du neuen Bloggern raten?

Madame Modeste: Blogs werden hoffentlich so unterschiedlich bleiben, wie Leute nun einmal sind, die nichts verbindet als der Wunsch, ihre Texte und Gedanken der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Da mag der eine die Motivation mitbringen, für politische oder wirtschaftliche Belange zu werben, jemand anderes möchte Geschichten erzählen, ein Dritter hofft auch ein lukratives Geschäftsmodell, und was aus diesen Ambitionen wird, hängt ganz davon ab, ob die Persönlichkeit hinter dem Blog in der Lage ist, die Aufmerksamkeit an sich zu binden, die er sucht.

Von diesen Ambitionen hängt natürlich auch ab, was man jemandem raten sollte, der ein Blog eröffnet. Wer es, wozu auch immer, auf hohe Klickzahlen abgesehen hat, der sollte diejenigen Schlüsselbegriffe verwenden, die erfahrungsgemäß bei Google sehr häufig eingegeben werden. Dann bekommt er lauter Besucher, die exakt null Sekunden bleiben. Wer viel verlinkt werden möchte, sollte bei vielgelesenen Blogs viel kommentieren, und wer ein Blog haben möchte, das gern gelesen und vielleicht ein bisschen geliebt wird, der sollte gute Geschichten gut erzählen, sich nicht verstellen, amüsant sein, variantenreich, einen eigenen Stil entwickeln, und letztlich einfach gut schreiben. Egal über was. Ein gutes Blog führt man, denke ich, ähnlich, wie man ein guter Partygast ist: Menschen so gut unterhalten, dass sie neben einem stehenbleiben und zuhören.

Und zum guten Ende: Ich bedanke mich auch. Allseits gute Nacht.

One comment

  1. Die Frau hat Humor. Wer’s immer noch nicht begriffen hat, merkt es hier. Viva Modeste Proust.

    Ein seit jeher wohlgesonnener Brüller.

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