Blogtalk mit Dr. Till Tolkemitt von Zweitausendeins

Liebe Leser, am 20.04.06 ab 17:00 Uhr findet hier in diesem Blog Live, in Farbe und Stereo, wieder eine Blogtalk-Show statt. Der Weltherrscher lädt ein, der nächste Gast ist Dr. Till Tolkemitt, Mitglied der Geschäftsleitung bei der Zweitausendeins Versand Dienst GmbH hier mehr Infos

Wer Lust und Laune hat den Blogtalk am 20.04. ab 17:00 Uhr zu besuchen, der sollte diesen Artikel im Auge behalten. Wie das geht? Ganz einfach, diesen Artikel öffnen und ab und zu Aktualisieren (F5). Die Fragen und Antworten werden im Hintergrund gestellt und dann von mir hier eingefügt werden. Meine Untertanen können übrigens in den Kommentaren gerne auch Fragen stellen, quasi aus dem Off, aber schneller und besser, nicht vergessen wir sind im Internet..:-))

Die Talkthemen werden u.a. sein:
- Sind Blogs auf dem Unternehmensradar
- Verlagswesen und Zukunft
- Community-Marketing
- Erfahrungen
- u.v.a.

Blogtalk heute mit Dr. Till Tolkemitt ab 17:00 Uhr:

Bloggerator: Ich Grüße meine UntertanInnen und natürlich meinen nächsten Gast Dr. Till Tolkemitt.
Sind Blogs eine Bereicherung für den Medienalltag?

Dr. Till Tolkemitt: Hallo, wohlwollender Weltherrscher. Natürlich sind Blogs eine Bereicherung für den Alltag – und auch eine positive umstürzlerische Kraft, wenn man den Blogbegriff weit fasst.

Bloggerator: Na Super, ich wollte jetzt mal den Ernsthaften spielen, aber bei so einer Ansprache. Endlich werde ich mal entsprechend angesprochen. :-)
Ümstürzlicherische Kraft? Was meinen Sie genau?

Dr. Till Tolkemitt: Blogs beziehen die Internetnutzer mit ein. Ihre Meinung und ihre Erfahrungen werden wichtig. Das ist ja das, was mit Web2.0 gemeint ist. Los ging es mit Wikipedia und den Kundenbewertungen bei Amazon. Das Internet wird immer weniger aus redaktionell verfassten Meinungen und Aussagen bestehen, die so stehen bleiben. Die Demokratie hat Einzug erhalten und die Massen haben das Wort. Die Macht der Unternehmen sinkt. Das ist schon ein gewisser Umsturz. Aber Vorsicht: Die Unternehmen werden sich nicht so einfach geschlagen geben und weiter versuchen, im Internet die Meinung zu beeinflussen, zu “spinnen”, mit offengelegten oder verdeckten Mitteln. Und damit meine ich nicht mnein kleines und redliches Unternehmen!

Bloggerator: Das Sie jetzt natürlich keine Namen nennen können und dürfen ist mir ja klar. Aber was wären evtl. verdeckte Mittel? Gibt es da etwa schon Strategien? Überlegungen?

Dr. Till Tolkemitt: Das, was sich jeder denken kann. Ein Beispiel. Ich habe eine Freundin, die ein Buch geschrieben hat. Nach Erscheinen hat Sie 10 Freundinnen von sich aus der ganzen Republik gebeten, doch mal bei Amazon eine ganz tolle Kundenbewertung zu schreiben. Es hat gewirkt! Der Verkauf stieg tatsächlich enorm an. Und das kann man auf alle anderen Bereiche im Web übertragen. Wir sind ja ein Verlag und bieten Bücher bei amazon an. Sollen wir auch ein professionelles Netz von 1-Euro-Jobbern unterhalten, die uns klasse Rezensionen schreiben? Die sich in Blogs auf unsere Seite (oder auf die Seite von Microsoft-Produkten) schlagen? Oder wollen wir einen Blog installieren, in dem unsere Produkte gut dargestellt werden? Negative Kommentare von Bloggern rauslöschen? Oder eine erfolgreiche Blogseite kaufen und beeinflussen, wie Berlusconi seine TV-Stationen? Da gibt es viele Möglichkeiten. Auch bei Wikipedia kann man Einträge erzeugen oder verändern. Aber es gibt für Unternehmen ja auch ehrliche MIttel, die Kraft von Blogs und Nutzerbewertungen auszunutzen…

Bloggerator: Das ist natürlich ein schöner Übergang: Mir scheint, die Verlage in Deutschland schlafen irgendwie noch ein bisschen im Bezug auf Blogs. Ein Blog ist ja nicht nur eine Seite im Internet, sondern dahinter stehen vielfach sehr kreative Köpfe. Will die keiner? Wo ist der Eintrag bei z.B. DasNuf: “Ich hab ‘nen Buchvertrag (oder Sponsering oder oder oder…)!” oder bei Ix u.v.a.? Die schreiben ganz großes Kino…

Dr. Till Tolkemitt: Naja. Blogger-Romane gibt es schon. Aber, um ehrlich zu sein, der Hit sind sie nicht. Warum auch einen Blog, der im Internet lebt und umsonst zu haben ist, zwischen zwei Deckel pressen und für teure Euro verkaufen? Wäre irgendwie ein rückständiger Umgang mit dem Medium.

Aber das mit den kreativen Köpfen stimmt ja trotzdem. Wir bei Zweitausendeins nutzen das auch aus. (Achtung: jetzt kommt der Spin – aber wenigstens nicht verdeckt.) Bei uns schreiben immer zwei Autoren Blogs auf der Internetseite www.Zweitausendeins.de, zur Zeit Mathias Bröckers und Thomas Kapielski. Die gehören zu den originellsten Denkern der Republik. Wir lassen Sie dort machen, was sie wollen. Das simple Kalkül ist: Unsere Internetseite soll leben. Sie soll Leute anziehen, und zum Wiederkommen einladen. Eine Community an sich binden, sagt man heute. Wenn also die Blogs gut sind, bringen sie neue Leute auf die Seite und machen unser Angebot bekannter. So wollen wir am Ende natürlich auch ganz schnöde daran verdienen. Nur: Die Inhalte der Blogs beeinflussen wir gerade deshalb nicht. Das riecht man doch als Nutzer irgendwann, wenn da nur PR gemacht wird. Es geht auch gar nicht um unsere Bücher oder sonstigen Artikel, sondern um alles, wass den Bloggern einfällt. Die Blogs heißen bei uns übrigens “Writersblog” und wir sind ziemlich stolz auf diese Wortkreation. Nur Blogwart wollte sich die Webmasterin, die die Blogs technisch betreut, nicht nennen lassen.

Bloggerator: Ich setze hier mal den Link auf Ihren Writersblog, den findet man schlecht auf der Seite. Ist das auch Web 2.0, wenn ich als Besucher, Ihnen jetzt sagen kann:”Ihren Blog findet man so schlecht, also ich”?
Was haben Sie für Erfahrungen mit Kundenkritik gemacht? Und wie gehen Sie damit um?

Dr. Till Tolkemitt: Ehrlich? Findet man nicht? Hm, ich nehm’s mal auf in die Liste der 203 Dinge, die wir an unserer Internetseite zur Zeit verbessern wollen. Danke.

Zur Kritik: Man hat die Kunden, die man verdient. Klar kommt da auch mal der eine ode andere Kommentar, den wir komisch oder unangemessen oder sonstwas finden. Aber es hält sich eigentlich in Grenzen. Kein Vergleich, was sich manchmal unser herkömmlicher Kundenservice am Telefon anhören muß, wenn mal was bei der Lieferung nicht geklappt hat.

Bloggerator: Ist das der Weg der Zukunft für Unternehmen, Offenheit in allen Bereichen, wie Herr Knüwer im Blogtalk sagte:”Offenheit wird nach meiner Meinung in der Tat eines der dominierenden Themen der näheren Zukunft.”?

Dr. Till Tolkemitt: Als Kunde sage ich, schön wär’s. Aber die ganze Offenheit wird es nicht geben. Vielleicht ist das auch gut so. Sie wollen ihrem Schlachter ja auch nicht zugucken, wie er die Wurst macht.

Aber nochmal zurück zu Kundenreaktionen und -kritik. Als wir unsere Webseite neu gestaltet haben, haben wir unsere Nutzer auf der Seite gefragt, wie sie es finden. Wir haben über 5.000 Kommentare bekommen. Wirklich ernstgemeinte, gute Hinweise. Normalerweise zahlt man für’s testen einer Seite viel Geld. Die Umfrage war wirklich besser und hat uns ganz viele Erkenntnisse gebracht. Und wir setzen das auch um, was uns die Leute gesagt haben. Zum Beispiel hatten wir so Empfehlungen à la Amazon, “Das könnte Ihnen auch gefallen”. Das hat die Leute aber genervt und da haben wir es einfach wieder abgestellt.

Aber soweit gehen und alle 5.000 Kommentare ins Netz stellen, das würden wir dann doch nicht machen. So offen sind auch wir noch nicht. Vor allem müssen Sie dann irgendwann jemanden einstellen, der das moderiert oder betreut. Obwohl, eigentlich gar kein schlechter Gedanke… Naja, Offenheit hin oder her: Die Leute haben was zu sagen und sie wollen was sagen. Das ist eine Kraft, die man als Unternehmen ausnutzen kann.

Bloggerator: “…Vor allem müssen Sie dann irgendwann jemanden einstellen, der das moderiert oder betreut…”, wird das offene Bloggen auch Arbeitsplätze schaffen? Wie sehen sie das als Unternehmen, was gerade die Pr-Branche so alles anbieten will, haben die Unternehmen eigentlich Bedarf an, z.B. Blogwatching usw?

Dr. Till Tolkemitt: Daran glaube ich. Unsere Writersblog-Autoren bekommen natürlich auch etwas Geld von uns – wir sponsern Sie sozusagen. Aber eine volle Stelle ist das natürlich nicht. Blogwatching und leider auch Blog- oder Internetspinning: wenn ich ein großes Unternehmen hätte, würde ich so jemanden auf jeden Fall einstellen. Um neue Trends zu erfahren. Um die Reaktion der Kunden auf meine Produkte zu kennen. Um Stimmungen mitzubekommen. Und im schlechten Fall eben aber auch: um die Meinung zu beeinflussen (aber aufgedeckt, nicht unter Pseudonym, wie es in der sauberen PR-Arbeit üblich ist). Der Job-Titel wäre dann Internet-Spinner. Viel Geld gibt es dafür dann aber nicht, denn wer so einen Titel auf der Visitenkarte hat, darf nicht viel mehr erwarten.

Bloggerator: Internet-Spinner? Schön…
Wie wird die Zukunft für Verlage aussehen? Oder: Wie lange gibt es noch Bücher?

Dr. Till Tolkemitt: Bücher wird es ewig geben. Das Produkt ist perfekt, so wie es ist. Die Frage ist nur, wie groß der Markt für Bücher in Zukunft sein wird. Nachschlagewerke sind als Buch schon stark zurückgegangen. Da überwiegen die Vorteile elektronischer Medien. Sicherlich werden auch immer mehr E-Books verkauft werden, wenn es bald ein gutes Lesegerät gibt. Aber ein spannendes Paperback in die Strandtasche schmeißen und dort versanden lassen, das Ding alleine am Strand liegen lassen, wenn man Schwimmen geht, das ist doch unersetzbar. Ein Teil des Marktes wird also bleiben. Die Zukunft der Verlage hängt vor allem davon ab, ob sie so flexibel sind, auch mit einem evtl. kleineren klassischen Buchmarkt leben zu können und außerdem kreativ und fröhlich in den neuen Medien publizieren werden. Bedenken Sie: Der Preis eines Buches ist für die Leserin das geringste Problem. Ein Buch ist ein Angriff auf die Lebenszeit! Was sind schon 14, 90 Euro gegen 20 konzentrierte Stunden lesen!

Bloggerator: Eigentlich ein schönes Endstatement von Ihnen, aber ich möchte mich auch noch bei Ihnen und den Gästen Bedanken.
Eine Frage noch, ich wollte sie eigentlich nicht mehr stellen, aber was halten sie vom Blogtalk? Und viel Wichtiger: Was für ein Buch MUSS man/frau im Moment lesen, was ist der Hit?

Dr. Till Tolkemitt: Schöne Idee, der Blogtalk. Beweist irgendwie, wie schnell heutzutage ein neues Medium sich wieder selbst unter die Lupe nimmt. Warum nicht einen Blog über den Blogtalk über den Blogtalk über den Blogtalk… Eine Frage meinerseits: Warum hießt die Seite “Die Welt ist Scheisse?” Mal ehrlich, das ist ein Scheiß-Name. Zu negativ. Verkauft nicht. Und entspricht gar nicht dem positiven Inhalt. Auch nicht, wenn es ironisch gemeint ist.

Frau und Mann müssen im Moment “Hier spricht Guantánamo. Roger Willemsen interviewt Ex-Häftlinge” lesen, bei uns erschienen (und nur bei uns zu kaufen). Das ist Oral History, wie wir sie ganz selten dokumentiert bekommen und jeder Mensch der westlichen Welt muß genau hinhören, was diese Leute zu berichten haben.

Ansonsten: Lest mehr Romane. Zum Beispiel immer wieder Frank Schulz’ Morbus Fonticuli oder die Sehnsucht des Laien. Oder den Zauberberg. Im Ernst.

Bloggerator: Darauf will ich natürlich Antworten: Mir gefiel der Name irgendwie. Als Weltherrscher der realen Welt hat mir Dubble U den Posten vor der Nase weggeschnappt, da bleibt für mich, den ersten wahren und jetzt auch wohlwollenden Weltherrscher nur noch der Rest, also die ohne A, B oder C-Bomben: Die normalen Menschen.
Und Abends vor dem Schlafengehen noch ein kleines “Dieweltistscheisse” in die Luft gerufen, soll schlicht erinnern…

3 comments

  1. Cool! Eine meiner Lieblingsfirmen. Nur, wie funktioniert das mit der “Blogtalk-Show”?

  2. schau einfach am termin vorbei, hier in diesem artikel, angegebene uhrzeit immer mal aktualisieren.
    ich stelle meine fragen in diesem artikel, die antworten stehen dann anschliessend auch hier, alles live.

  3. [...] Das Blog heißt übrigens “Die Welt ist scheiße”. Und dieses Blogtalk-Konzept ist sehr interessant. [...]

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