[Update: Zweiter Teil am 07.08.06 ab 14:00 Uhr]
Liebe Leser, am 04.07.06 ab 14:00 Uhr findet hier in diesem Blog Live, in Farbe und Stereo, die nächste Blogtalk-Show statt. Der Weltherrscher lädt ein, der nächste Gast ist Dr. Jan Schmidt von Bamblog und hier…
Wer Lust und Laune hat den Blogtalk am 04.07. ab 14:00 Uhr zu besuchen, der sollte diesen Artikel im Auge behalten. Wie das geht? Ganz einfach, diesen Artikel öffnen und ab und zu Aktualisieren (F5). Die Fragen und Antworten werden im Hintergrund gestellt und dann von mir hier eingefügt werden. Meine Untertanen können übrigens in den Kommentaren gerne auch Fragen stellen, quasi aus dem Off, aber schneller und besser, nicht vergessen wir sind im Internet..:-))
Die Talkthemen werden u.a. sein:
- Etablierung der Weblogforschung
- Konferenzen, Workshops und Veranstaltungen
- Web2.0
- Praktiken des Bloggens
- Buchvorstellung
- u.v.a.
Blogtalk heute mit Dr. Jan Schmidt ab 14:00 Uhr:
Bloggerator: Ich Grüße meine UntertanInnen und natürlich meinen nächsten Gast Dr. Jan Schmidt.
Was ist Weblog-Forschung genau? Wer mit Wem oder..
Dr. Jan Schmidt: So, jetzt bin ich da. Willkommen Weltherrscher erstmal.
Was Weblogforschung genau ist? Gute Frage, darauf gibt es mehrere Antworten, je nachdem aus welcher wissenschaftlichen (oder anderen) Pespektive man sich dem Thema Weblogs nähert: Ein Informatiker wird andere Fragen haben als ein Betriebswirt als ein Consultant als ein Sozialwissenschaftler.
Mich (Soziologe und Kommunikationswissesnschaftler) interessieren momentan vor allem zwei Dinge: (1) Die “Praktiken des Bloggens”, d.h. welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede finden wir im alltäglichen Gebrauch des Formats vor, und (2) die Konsequenzen, die das Bloggen für die sozialen Beziehungen der Blogger hat.
Als wissenschaftlicher Zugang ist Weblogforschung zunächst vor allem im englischsprachigen Raum entstanden, seit etwa zwei/drei Jahren gibt es auch im deutschsprachigen Raum immer mehr Menschen, die dazu arbeiten.
Wobei mein Eindruck ist, dass wir so eine Art “Pyramideneffekt” haben: Von den etablierten Professoren befassen sich vergleichsweise wenige mit dem Thema, im akademischen Mittelbau (also unter den Doktoranden bspw.) gibt es schon eine Reihe mehr, und bei den Diplom-etc.arbeiten scheint das Thema “Weblogs” gerade sehr beliebt zu sein – zumindest den Anfragen nach zu schließen, die ich immer mal wieder bekomme.. :-)
Bloggerator: Brauchen wir eine Weblog-Forschung und wenn Ja, warum?
Dr. Jan Schmidt: Ja, wir brauchen eine Weblogforschung, weil sie uns hilft, dieses neue Kommunikations- und Interaktionsphänomen zu verstehen und die möglichen Folgen (z.B. Veränderungen von Öffentlichkeiten, Wandel der Privatsphäre, Konsequenzen für soziale Beziehungen) zu reflektieren. Das kann (und sollte!) mit ganz unterschiedlichen Methoden passieren (Umfragen, ausführliche Interviews, Analyse der gebloggten Texte und des Designs, mathematische Netzwerkanalysen, etc.), die in der Summe dann ein Bild von Weblogs als soziales Phänomen liefern.
Nimmt man das wiederum mit Erkenntnissen aus anderen aktuellen Bereichen zusammen (z.B. was passiert generell im Bereich social software; wie verändern sich Medien und Journalismus im Internet; wo verlaufen inwzischen die Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit, …), trägt Weblogforschung meines Erachtens dazu bei, dass wir uns als Gesellschaft ein Bild davon machen können, was sich durch das Internet in unserem alltäglichen leben so verändert.
Bloggerator: Da würde ich natürlich gerne mehr ins Detail gehen, was verändert sich im alltäglichen Leben mit und/oder durchs Bloggen? Gibt es da schon Antworten, Analysen..
Dr. Jan Schmidt: Ja, einige – aber noch nicht genug. Mal sehen:
Ich will mal auf zwei Ebenen antworten: Der Ebene des einzelnen Bloggers, der dadurch Kontakt zu seinen Freunden/Bekannten/Kollegen/… hält, und auf der Ebene der entstehenden Öffentlichkeiten.
Zunächst zur individuellen Ebene: Ich verstehe Weblogs (und social software im allgemeinen) als eine Möglichkeit, onlingestützt Informations-, Identitäts- und Beziehungsmanagement zu betreiben. D.h. für den einzelnen Blogger oder die einzelne Bloggerin bietet das Weblog eine Gelegenheit, sich selbst und seine Interessen oder Erlebnisse anderen darzustellen (und dadurch Aspekte der eigenen Person im Internet zu ‘artikulieren’), dadurch in Kontakt mit anderen (bekannten oder unbekannten) Personen zu kommen bzw. den Kontakt aufrecht zu erhalten; und schließlich sich selbst über Themen von Interesse zu informieren.
Was die Weblogforschung in diesem Zusammenhang bspw. deutlich gemacht hat ist, dass gerade diese ‘alltägliche’ Nutzung von Blogs sehr weit verbreitet ist – und es beispielsweise arg verkürzt ist, Blogs nur unter dem Blickwinkel des Journalismus oder des PR/Marketing zu sehen. Diese Praktiken gibt es zwar auch, aber sie dominieren nicht die Blogosphäre – was man manchmal glauben könnte, wenn man sich anschaut, wie das Thema “Blogs” in den klassischen Medien, auf Workshops und Tagungen etc. so diskutiert wird.
Eine kritische kommunikationssoziologische Blogforschung fragt nun von diesem Gedanken aus weiter, woran es liegt, dass nur bestimmte Blog-Praktiken öffentlich diskutiert werden und andere (private Online-Journale von Teenagern, das Strickblog, …) als “irrelevant” oder “banal” abgestempelt werden..
kurz noch zu dem anderen punkt: Konsequenzen für Öffentlichkeiten. Ich verstehe Weblogs, insbesondere die vom Typ “Onlinejournal” als “interpersonale öffentliche Kommunikation”, d.h. im Grunde als Kommunikation zwischen Personen, die wechselseitig aufeinander Bezug nehmen (und nicht wie die klassischen Massenmedien an ein diffuses Publikum senden) – aber diese Kommunikation ist eben öffentlich und für andere sichtbar, die sich ggfs. in Diskussionen einschalten können oder eben zu bestimmten Themen informieren können.
Dadurch entstehen neben der (vorrangig massenmedial hergestellten) gesellschaftsweiten Öffentlichkeit viele unterschiedlich große, teils spezialisierte teils diffuse Teilöffentlichkeiten – ich mag auch den begriff “verteilte Konversationen”, weil viele dieser Gespräche ja über Weblogs hinweg geführt werden. Diese wiederum haben aufgrund der spezifischen Verlinkungs-/Vernetzungsstruktur der Blogosphäre das Potential, dass sich bestimmte Informationen rasant verbreiten können. [das ist ein etwas komplexeres argument, kann ich bei interesse aber gerne ausführen].
soviel erstmal. :-)
Bloggerator: Wir haben uns gerade so nebenbei und schnell auf Regeln eingelassen, wie wir den Blogtalk führen (für die Leser: ich bekomme nach einem Statement ein “Done”-Kommentar, dann weiß ich, dass ich wieder Fragen kann).
Ist das nicht im Grunde alles, was man den Bloggern zuschreiben kann, nämlich Schnelligkeit?
Dr. Jan Schmidt: Nein, finde ich nicht. Die Schnelligkeit ist sicher ein hervorstechendes Merkmal von Weblogs und der Blogosphäre als ganzes, doch mindestens ebenso wichtig finde ich z.B. das Leitbild der “persönlichen Authentizität” oder im englischen “making your own voice heard”. Wenn ich doch nochmal kurz auf den Vergleich Bloggen-Journalismus kommen kann: Aus diesem Leitbild folgen ganz andere Selektions- und Darstellungsroutinen als im Journalismus (oder auch dem Marketing/PR), weswegen sich diese Kommunikationsformen meines Erachtens auch ergänzen (bzw. an den Rändern überlappen).
Und auch für all die Blogs, die sich überhaupt nicht als Journalismus o.ä. verstehen bzw. für die diese Frage gar nicht wichtig ist (erneut: das ist die Mehrheit!), ist die persönliche Authentizität natürlich auch wichtig. Sie drückt sich a) in den Texten der Autoren aus, und leitet b) die Erwartungen der Leser an.
Insofern: Schnelligkeit ist sicher ein wichtiges Merkmal der Blogosphäre, aber nicht das einzige definierende oder hervorstechende Merkmal.
Bloggerator: Wie müsste man eigentlich die Blogtalk-Serie hier einstufen? Was ist das genau? Ich habe keine Definition dafür (würde aber gerne eine haben:-)..
Dr. Jan Schmidt: Hmmmm… sehr gute Frage.. :-)
Kann man auf unterschiedlichen Ebenen betrachten (man merkt schon, ich bin ein analytisch denkender Mensch.. :-) :
1) Auf der Ebene dieses Blogs / von Ihnen, Weltherrscher, sind diese Blogtalks eine bestimmte Publikationsroutine sehen: In regelmäßigen Abständen findet hier auf ganz bestimmte Art und Weise ein Gespräch zwischen dem Autor und einer anderen Person statt – wobei ich es sehr interessant finde, wie kreativ das Format “Blog” genutzt wird, um ein Gespräch per Kommentar zu führen und wieder in die Form eines ‘reguiären’ Beitrags zu bringen. Überhaupt ein ganz wichtiger Punkt: Die Kreativität der Blogger, mit diesem Tool umzugehen, ist ganz enorm.
Aber ich schweife ab: Aus Sicht einer “Praxissoziologie des Bloggens” ist der Blogtalk also eine routinisierte Form der Erstellung/Publikation von Inhalten.
2) Aus einer Beobachterperspektive sind diese Blogtalks aber auch deswegen interessant, weil sie ja zum überwiegenden Teil (ich hab nicht alle gelesen) das Bloggen selber zum Gegenstand haben, man also sehr viel über Selbstverständnisse und Praktiken des Bloggens lernen kann.
D.h. hier findet auch eine Art “Selbstvergewisserung” statt – was machen wir eigentlich, wenn wir bloggen? Gibt es sowas wie “richtiges” Bloggen? Wie machen es die erfolgreichen A-List-Blogger – und sollen die der Maßstab sein? Welche Konsequenzen hat das Bloggen, welche neuen Entwicklungen zeichnen sich ab?
Das gibt es in anderer Form in anderen Blogs auch [nur ein Beispiel: die Blogbar ist auch so ein Ort, an dem sehr intensiv und oft kontrovers über das Bloggen an sich nachgedacht wird], aber das schöne am Blogtalk ist das Format des ‘offenen Interviews’.
Bloggerator: Offenes Interview nehme ich direkt als Definition an. Gefällt mir.
So wir sind jetzt gut 1,5 Stunden dabei, ich Bedanke mich bei Dir und natürlich auch bei den anderen Gästen. Zum Schluss noch, wollen wir einen zweiten Teil machen? Ich hätte noch einiges zu Fragen..:-)
Die wirkliche Schlussfrage soll aber von Stephan kommen:”Kann es sein, dass bestimmte Themengebiete in der Blogosphäre absolut selten vertreten sind?”
Sind die Blogger steuerbar, könnte man da auch noch nachwerfen?
Dr. Jan Schmidt: @Weltherrscher: Ja, können wir gerne machen.
@Stephan
Zwei Punkte, erst noch aus Deinem Kommentar:
“Es gibt zwar auch wirklich abgefahrene(?) Blogs, aber das sind nur ganz ganz wenige.” – Ja, aber das liegt doch in der Natur der Sache, oder? Nischenthemen kommen sozusagen ‘per definitionem’ nur selten vor.
Insofern: Ja, bestimmte Themen sind selbst in der Blogosphäre nur selten oder gar nicht auffindbar, aber das liegt dann daran, dass sie einfach generell nur von wenigen Menschen geteilt werden. Für die aber bietet die Blogosphäre eine gute Möglichkeit, sich selbst und ihre Interessen darzustellen und mit anderen zu teilen.
In der Summe macht das dann die Blogosphäre meiner Wahrnehmung nach dann doch vielfältiger und ‘bunter’ als andere Medien. Nur mal ein ganz kurzes Beispiel zur Illustration:
In der großen “Wie ich blogge?!”-Umfrage im Oktober 2005 haben wir auch gefragt, worüber die Leute bloggen. Wir hatten etwa 10 Antworten vorgegeben und ein Feld für sonstige Antworten freigelassen. Fast 20% aller Blogger haben da etwas eingetragen, ich zitier mal willkürlich aus der Liste der offenen Antworten:
-hauptsächlich meine Handarbeiten
-hilferufe wegen passwörtern, oder allgemein über madonna
-Hilfreiche Tipps im Umgang mit bestimmter Software
-Hintergrundgeschichten zu Fussball, Musik, Stadtbezogenes (Wien) – weil sowas üblicherweise in Blogs nicht vorkommt
-Hinweise auf aktuelle Entwicklungen im Literaturbetrieb sowie darauf bezogene Kommentare; Kommentare zur Zeitgeschichte; Dokumentation des Schreibprozesses
-Hinweise und Kommentare zu einem Fachthema, um das es in dem Weblog geht
-Hinweise zu meinen Internet-Aktivitäten
Ich sehe also eine weitere Stärke (neben der Schnelligkeit und der Authentizität) von Weblogs in der prinzipiellen inhaltlichen Offenheit: Das Format Weblog legt nicht fest, *worüber* gebloggt wird, das liegt ganz in der Hand des jeweiligen Autoren.
Zur Steuerbarkeit von Blogs noch: Hmm…. Jein, würde ich mal sagen.. :-) Sicherlich gibt es bestimmte Themen, bei denen man in bestimmten Ecken der Blogosphäre nahezu vorhersagbare Reaktionen bekommen kann. In bestimmten Kreisen wird beispielsweise nahezu ritualhaft um Blogsponsoring, Blogzensur und Anzeigen gegen Blogger dsikutiert, sobald ein jeweils neuer Fall auftaucht. In anderen Kreisen kann man vermutlich mit einem achtlos hingeworfenen “Tokio Hotel ist super/doof” ebenfalls immer hitzige Debatten auslösen. Als ganzes halte ich die Blogosphäre aber nicht für steuerbar.
Um ein letztes Mal zwei Ebenen auseinanderzuhalten: Die Dynamiken und Strukturen der Blogosphäre (Verbreitung von Informationen, Dezentralität, …) sind ja zum überwiegenden Teil ungewolltes Resultat einer Vielzahl von einzelnen Handlungen. Ein einzelner Blogger könnte sich gar nicht hinsetzen und sagen: So, jetzt sorg ich mal dafür, dass der Skandal bei Firma X oder Partei Y bekannt wird, oder dass das lustige Youtube-Video ein Hit wird. Das geht nur, weil eine Vielzahl von einzelnen Bloggern – jeweils nach persönlichen Relevanzkriterien, da stimme ich Stephan auch zu – sich entscheidt: Ui, das verlinke ich mal, oder da schreib ich was dazu.
Natürlich sind ‘zentrale’ Blogger wie Spreeblick-Johnny, Don Alphonso, Udo Vetter, und und und ganz wichtig für solche Prozesse, weil sie viele Leute erreichen, aber sie alleine machen es eben nicht aus: ebenso wichtig ist der ‘long tail’ der vielen tausend Weblogs, die nur 50 oder 10 oder 3 Leser haben, aber die Information weiter verbreiten.
Und spätestens hier hört es meines Erachtens nach mit der Steuerbarkeit auf. Ich kann nicht behaupten, dass ich vollständig verstanden hätte, wie jetzt genau diese strukturellen Merkmale der Blogosphäre aus den individuellen Handlungen entstehen (das ist ja ein klassisches Emergenz-Problem: Das ganze ist mehr als die Summe seiner Teile), aber ein Schritt in diese Richtung ist, die individuellen Publikations- und Selektionsroutinen der Blogger, also ihre Blogging-Praktiken in den Blick zu nehmen – womit wir wieder bei der Weblogforschung wären.. :-)
Zweiter Teil am 07.08.06 ab 14:00 Uhr.
Bloggerator: Im Spiegel Ausgabe Nr.29 gab es einen Artikel “Du bist das Netz!” (ab Seite 60) , der Aufmacher auf der Titelseite war “Ich im Internet – Wie sich die Menschheit online entblößt”. Sind Blogger reine “Entblößungstriebstäter” oder eher eine Gefahr für etablierte Medien?
Dr. Jan Schmidt: Hmm, das ist kein wirklicher Gegensatz, finde ich.. :-) Am Spiegel-Artikel fand ich etwas unglücklich, dass durch die Aufmachung das Bild von Bloggern etc. als “Seelen-Entblößer”, als aktualisierte Form der Befindlichkeits-Autoren oder gar der Online-Exhibitionisten verstärkt wird, das meines Erachtens dem Phänomen Blogs oder auch Social Software nicht gerecht wird.
Die Frage nach der Gefahr für etablierte Medien überzeichnet aber auch, weil sie wieder den Gegensatz zwischen Bloggern und klassischem Journalismus aufmacht. Durchs Bloggen entsteht eine Vielzahl von (oft sehr kleinen) Teilöffentlichkeiten. Manche von ihnen überlappen sich mit den massenmedial hergestellten Öffentlichkeiten, aber in der Mehrheit wird in den Blogs ja untereinander diskutiert, ohne Anspruch auf gesellschaftsweite Relevanz (wie ihn die Massenmedien ja haben).
Bloggerator: Wie könnte man das “Phänomen Blogs oder auch Social Software” genauer beschreiben? Was ist die Motivation dahinter..
Dr. Jan Schmidt: Ich zitier mich mal selbst aus dem ersten Interview: “Ich verstehe Weblogs (und social software im allgemeinen) als eine Möglichkeit, onlingestützt Informations-, Identitäts- und Beziehungsmanagement zu betreiben”.
Dieses Informations-, Identitäts- und Beziehungsmanagement findet bei social software in (Teil)Öffentlichkeiten statt, d.h. andere Menschen können meine Meinungsäußerungen oder mein Profil einsehen, oder nachverfolgen, welche Bookmarks ich tagge, etc. Diese Form der Öffentlichkeit ist ein grundlegender Bestandteil von SocSoftware, weil sie ja erst bestimmte Netzwerkeffekte möglich macht (z.b. auf Blogger mit ähnlichen Interessen stoßen, Kontakte meiner Kontakte kennenlernen, etc.). Das geschieht aber eben nicht aus exhibitionistischen Motiven (um mal zu überspitzen), sondern um der Kommunikation und Interaktion mit andern Menschen willen.
Dahinter können ganz unterschiedliche Motivationen stecken: Bloggen aus beruflichen Gründen, weil man Freunde und Verwandte über das Auslandsjahr auf dem Laufenden halten möchte, weil man seine eigenen Gefühle reflektieren will, … Im Fall des Bloggens haben wir ja auch einige empirische Ergebnisse (kann die bei Bedarf gerne raussuchen), für andere Formen der social software gibt es auch vereinzelt erste Befunde.
Bloggerator: Gerade eben habe ich mal wieder so einen typischen Artikel bzgl. Blogger lesen können und auch schon leicht überspitzt drauf reagiert. Um mal den Bogen zur Weblogforschung zu ziehen, wird nicht vielleicht auch deshalb gebloggt, weil die klassischen Medien ihre Hausaufgaben (Überwachung der politischen Strukturen usw.) nur noch bedingt erfüllen? Könnten Blogs so eine Art Ventilfunktion sein..
Dr. Jan Schmidt: “wird nicht vielleicht auch deshalb gebloggt, weil die klassischen Medien ihre Hausaufgaben (Überwachung der politischen Strukturen usw.) nur noch bedingt erfüllen? Könnten Blogs so eine Art Ventilfunktion sein..
Bei einigen Bloggern ist sicher die Kritik an den klassischen Medien ein wichtiger Beweggrund. Es gibt Watchblogs, oder Blogs die sich explizit als Teil einer Gegenöffentlichkeit verstehen, um Informationen und Meinungen Gehör zu verschaffen, die sonst nicht thematisiert werden. Sie stellen eine alternative Öffentlichkeit her, die mal mehr, mal weniger Reichweite hat. Das ist aber sicher nur eine Minderheit unter den Blogs.
“Ventilfunktion” kann darüber hinaus auch bei den Bloggern relevant sein, die sich gar nicht unbedingt als Gegenöffentlichkeit oder Alternative zu den Massenmedien verstehen, die aber bei Gelegenheit dann doch Themen aufgreifen, ihre eigene persönliche Meinung kundtun, und so möglicherweise Diskussionen anstoßen.
Vielleicht kurz zwei Zahlen zur Illustration des Stellenwerts von Blogs:
1) In der WIB-Umfrage hatten 41,3 Prozent der Blogger gesagt, sie bloggen (auch) über aktuelle politische Themen [die Umfrage war relativ bald nach der Bundestagswahl; bei unserer derzeit laufenden Studie zeichnet sich ein etwas geringerer Anteil ab]
2) 58,9 Prozent aller Teilnehmer (darunter auch Ex-Blogger und “Nur-Leser) sagen, sie erwarten von Blogs “etwas zu lesen, was ich aus anderen Medien nicht erfahre”
Das sind sicherlich nur erste empirische Hinweise, zeigt aber glaube ich 1) dass Blogs nicht per se der Kanal für umfassende politische Diskussionen über gesellschaftlich relevante Themen sind (es aber sein können), während 2) viele in Blogs durchaus eine Alternative bzw. Ergänzung zu den Massenmedien sehen.
Bloggerator: Du hattest weiter oben beim ersten Teil geschrieben:
“..Dadurch entstehen neben der (vorrangig massenmedial hergestellten) gesellschaftsweiten Öffentlichkeit viele unterschiedlich große, teils spezialisierte teils diffuse Teilöffentlichkeiten – ich mag auch den begriff “verteilte Konversationen”, weil viele dieser Gespräche ja über Weblogs hinweg geführt werden. Diese wiederum haben aufgrund der spezifischen Verlinkungs-/Vernetzungsstruktur der Blogosphäre das Potential, dass sich bestimmte Informationen rasant verbreiten können. [das ist ein etwas komplexeres argument, kann ich bei interesse aber gerne ausführen]…”
Interesse!.. :-)
Dr. Jan Schmidt: ok, moment *atemhol*
In der Blogosphäre sind Verlinkungen ja ungleich verteilt, d.h. es gibt (vereinfacht gesprochen) eine kleine Anzahl von Blogs, die relativ viele Links auf sich ziehen, und sehr große Anzahl von Blogs, die relativ wenige Links auf sich ziehen. Ansatzweise sieht man das schon bei der Rangfolge der Deutschen Blogcharts wo gezeigt wird, wieviele andere Blogs auf die jeweils genannten Blogs verlinken (in Beiträgen und Blogrolls). Das sind nur die Top 100. aber man sieht schon einen deutlichen Unterschied zwischen den oberen 5 und bspw. Platz 76 oder 88. Und das setzt sich ‘nach unten’ noch weiter fort, weil es unzählige Blogs gibt, die nur ganz wenige auf sie verweisende Links haben, vielleicht nur ein oder zwei oder gar keinen.
Setzt man jetzt mal eingehende Links mit Aufmerksamkeit gleich (die ja über einen Link gelenkt wird), zeigt sich, dass bestimmte Blogs deutlich mehr Aufmerksamkeit bekommen als andere. Greifen diese ein bestimmtes Thema auf, ist die Chance hoch, dass es von da in zahlreiche weitere Blogs “diffundiert” und noch mehr Menschen erreicht, die es dann auch weiter verbreiten. Bestes Beispiel: Das “Sonnenlischt”-Video, das erstmals in einem Forum und einigen weniger bekannten Blogs gepostet wurde. Als Spreeblick dann drauf stieß, explodierte das Ding.
Zu dieser Netzwerkstruktur, in der bestimmte (leserstarke) Knoten eine hohe Chance haben, Aufmerksamkeit auf Themen, URLS, etc. zu linken, aber eine Vielzahl von (weniger leserstarken) Knoten diese Informationen weiter verbreiten und dies in der Regel auch sehr schnell tun, weil Blogs ja häufig aktualisiert werden, können sich Informationen quasi “epidemisch” verbreiten. Oft reicht es, wenn eines der leserstarken Blogs “infiziert” wird…
Diesen Umstand machen sich (ob gewollt oder ungewollt) ja auch diejenigen zu Nutze, die in den leserstarken Blogs kommentieren und auf eigene Gedanken zum Thema hinweisen – man erreicht durch einen schlauen Kommentar bei Spreeblick etc. eine höhere Aufmerksamkeit, als wenn der Beitrag nur auf dem eigenen Blog steht, das vielleicht 10 Leute regelmäßig lesen.
Etwas klarer geworden?
Bloggerator: Ja viel klarer..:-)
Man könnte die Blogosphäre dann im Grunde als Virenschleuder-Organismus in der virtuellen Welt bezeichnen. Wohin wird sich diese Krankheit entwickeln, in was wird’s mutieren? Etwa Demokratisierung..
Dr. Jan Schmidt: “Virenschleuder-Organismus in der virtuellen Welt” ist eine schöne Formulierung – eine letzte Anmerkung noch zu dem Punkt: Analysen zur Diffusion von Informationen in der Blogosphäre und zur Verbreitung von Epidemien bedienen sich im Grunde der gleichen statistischen Verfahren (sehr interessant in dem Zusammenhang das Buch von Barabasi “Linked: How Everything is Connected to Everything Else”).
“Wohin wird sich diese Krankheit entwickeln, in was wird’s mutieren? Etwa Demokratisierung..”
Hier wird es jetzt soziologisch spannend: Die Netzwerkstruktur ist ja etwas Kollektives, sie existiert jenseits des einzelnen Bloggern, der aber nichtsdestotrotz Teil von ihr ist und sie mit seinen individuellen Routinen mit bestimmt und erst aufrecht erhält. Dass sich das Sonnenlischt-Video so schnell verbreitet, liegt daran, dass sehr viele einzelne Blogger nach ihren eigenen Vorlieben oder Routinen gehandelt haben und den Link weiter verbreitet haben. Das heißt: Die Netzwerkstruktur liegt einerseits ausserhalb des Einflusses des Einzelnen, wird aber dennoch von jedem Einzelnen immer wieder aufs neue durchs Bloggen bestätigt und reproduziert.
Ob das nun zu Demokratisierung führt? Da bin ich zu einem gewissen Grad skeptisch, und zwar genau aus dem Grund, weil eben die jeweils einzelnen Blogger einen wichtigen Einfluss auf die Blogosphäre als Netzwerk/Öffentlichkeit haben: Blogger werden ja nicht durch das Bloggen per se politisch interessiert o.ä., sondern bringen ihre Vorlieben, Interessen, Themen und Meinungen aus anderen Zusammenhängen mit. Natürlich kann ich mich in Blogs aus erster Hand über die aktuelle Entwicklungen im Libanon informieren – aber letztlich tun das nur die wenigsten bzw. überwiegend wohl nur die, die ohnehin schon ein entsprechendes Interesse hatten. Dieses Argument läßt sich verallgemeinern: Blogs werden für (im weitesten Sinn) politische Zwecke im großen und ganzen von den selben Leuten benutzt, die auch sonst politisch interessiert sind. Deren Möglichkeiten, sich zu informieren und zu diskutieren, steigen durch die Blogs sogar an, aber die Schere zu den politisch nicht Engagierten schließt sich dadurch nicht, möglicherweise verstärkt sich die Kluft sogar.
Bloggerator: So wir sind jetzt gut 1 Stunden dabei im zweiten Teil, ich Bedanke mich bei Dir und natürlich auch bei den anderen Gästen. Zum Schluss noch eine Frage: Wird genug Weblogforschung betrieben und stehen genügend Mittel zur Verfügung? Wie können Blogger in diesem neuen Forschungsgebiet helfen?
Dr. Jan Schmidt: “Wird genug Weblogforschung betrieben und stehen genügend Mittel zur Verfügung?”
Nun, die Forschungsförderung im wissenschaftlichen Bereich ist ja in der Regel so organisiert, dass man sich mit einer spezifischen Forschungsfrage um Förderung “bewirbt” – ich fände es schön, wenn in den nächsten Jahren weitere spannende Forschungsprojekte Förderung erhalten, denn offene Fragen gibt es meines Erachtens genug (z.B. rund um das Thema “Veränderungen von privatsphäre und Öffentlichkeit”). Da ist es möglicherweise etwas hinderlich, dass es gerade für Nachwuchswissenschaftler (die also noch nicht promoviert sind) nicht ganz leicht ist, für ihre oft innovativen Ansätze Förderung zu bekommen, aber das hat sich meiner Wahrnehmung nach in den letzten Jahren auch schon etwas verbessert.
“Wie können Blogger in diesem neuen Forschungsgebiet helfen?”
Immer brav unsere Fragebögen beantworten.. :-)
Nein, im Ernst: Ich mache ab und zu mal die Erfahrung, dass meine wissenschaftliche Forschung mit kommerzieller Marktforschung in einen Topf geworfen wird und deswegen ablehnende Reaktionen kommen. Und manchmal kommen Vorwürfe, Wissenschaftler hätten keine Ahnung von Blogs und sollten deswegen nichts drüber sagen, oder die Sprache wäre zu kompliziert, etc. Das ist aber wohl nicht zu vermeiden, und alles in allem bin ich über die Rückmeldungen z.B. auf unsere WIB-Umfrage sehr zufrieden. Im September kommen dann irgendwann die Ergebnisse der zweiten Befragung, die grade online ist, mal sehen wie die Diskussionen dann laufen..
Ach ja, zu dem letzten Punkt noch: Helfen können Blogger natürlich auch dadurch, dass sie sich kritisch mit den Studien etc. auseinandersetzen und so Rückmeldungen geben. Letztlich muss man dann als Wissenschaftler immer überprüfen, inwiefern die Einwände gerechtfertigt sind oder nicht (bspw. wenn Blogger aus ihrer eigenen persönlichen Erfahrungen heraus Befunde bestreiten – dann muss ich als Wissenschaftler darauf verweisen, dass mein Vorgehen eben so weit wie möglich objektiv ist und über die einzelne Erfahrung hinausgeht). Aber ich habe mich in den letzten zwei Jahren deutlich intensiver mit meinem eigenen Tun als Wissenschaftler auseinandergesetzt (und auseinandersetzen müssen), weil es eben dieses Feedback aus der Blogosphäre gibt. Und das ist gut!
[...] Am kommenden Dienstag (4.7.) werde ich ab 14 Uhr einen Blogtalk mit Achim Meißner aka dem Weltherrscher führen. Achims Blogtalks sind nicht mit der Konferenzreihe "Blogtalk" zu verwechseln; es handelt sich um etwa zweistündige Interviews, die per Blog und Kommentaren geführt werden. Ein Archiv mit älteren Interviews gibt es natürlich auch. Als Themen habe ich Achim vorgeschlagen, beispielsweise etwas über die Etablierung der Weblogforschung zu erzählen; über meine kommunikationssoziologische Perspektive auf die "Praktiken des Bloggens", über Eindrücke von Konferenzen, Workshops und Veranstaltungen mit Studierenden an der Uni, und und und…. Jede/r Leser/in kann sich übrigens mit Fragen in das Interview einklinken. Schöne Sache, ich freu mich schon! [view academic citations] [hide academic citations] Bitte wie folgt zitieren: Schmidt, Jan (2006): Der etwas andere Blogtalk. In: Bamblog [Weblog], 27 Jun. 2006. Online-Publikation: http://www.bamberg-gewinnt.de/wordpress/archives/507. Abrufdatum: June 30, 2006 Alternativ die APA citation: Schmidt, Jan. (2006). Der etwas andere Blogtalk. Retrieved June 30, 2006, from Bamblog Web site: http://www.bamberg-gewinnt.de/wordpress/archives/507 [...]
Kann es sein, dass bestimmte Themengebiete in der Blogosphäre absolut selten vertreten sind?
Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Blogger von vielen Themen nicht berühert werden bzw dann über manche Themen gerade NICHT bloggen. Ich sehe gewisse (struktuelle) Gemeinsamkeiten zu den Themenströmungen der restlichen Medienwelt.
Es gibt zwar auch wirklich abgefahrene(?) Blogs, aber das sind nur ganz ganz wenige.
Danke für die Antwort.
Ich denke mal, jeder sieht die verschiedenen Themen unterschiedlich wichtig. Was für mich ganz wichtig sein mag, geht dem nächsten am Allerwertesten vorbei, obwohl es ihn ja auch betrifft.
Die Wahrnehmungshorizonte sind ja (glücklichweise) eben sehr verschieden.
[...] Kurz der Hinweis: Heute (Montag) ab 14 Uhr setze ich meinen Blogtalk mit Achim Meissner fort. [view academic citations] [hide academic citations] Bitte wie folgt zitieren: Schmidt, Jan (2006): Blogtalk beim Weltherrscher. In: Bamblog [Weblog], 7 Aug. 2006. Online-Publikation: http://www.bamberg-gewinnt.de/wordpress/archives/535. Abrufdatum: August 7, 2006 Alternativ die APA citation: Schmidt, Jan. (2006). Blogtalk beim Weltherrscher. Retrieved August 7, 2006, from Bamblog Web site: http://www.bamberg-gewinnt.de/wordpress/archives/535 [...]
hatte ich done geschrieben? bin done.. :)
yepp..:-))))
[...] Auch das ist Wissenschaftskommunikation: Dr. Jan Schmidt im Die Welt ist Scheisse – Interview. Forschung und Wissenschaft, Zwischenruf [...]
die welt ist scheisse?
viele grüße aus berlin
die welt ist mir manchmal ein rätzel,aber es geht trotzdem immer weiter. warum hört die welt nicht auf wenn sie so scheisse ist?
heute ist die welt bestimmt sch..morgen ist sie sch.. und übermorgen auch.