Blogtalk mit Stefan Niggemeier [Update]

[Update]: Neuer Termin am 19.07.06 ab 18:00 Uhr
Liebe Leser, am 15.07.06 ab 20:00 Uhr findet hier in diesem Blog Live, in Farbe und Stereo, die nächste Blogtalk-Show statt. Der Weltherrscher lädt ein, der nächste Gast ist Stefan Niggemeier vom Bildblog..

Wer Lust und Laune hat den Blogtalk am 15.07. ab 20:00 Uhr zu besuchen, der sollte diesen Artikel im Auge behalten. Wie das geht? Ganz einfach, diesen Artikel öffnen und ab und zu Aktualisieren (F5). Die Fragen und Antworten werden im Hintergrund gestellt und dann von mir hier eingefügt werden. Meine Untertanen können übrigens in den Kommentaren gerne auch Fragen stellen, quasi aus dem Off, aber schneller und besser, nicht vergessen wir sind im Internet..:-))

Die Talkthemen werden u.a. sein:
- Bildblog
- Onlinejournalismus
- Chancen für Blogger
- Digitale Revolution
- Medienkonsum
- u.v.a.

Blogtalk heute mit Stefan Niggemeier ab 18:00 Uhr:

Bloggerator: Ich Grüße meine UntertanInnen und natürlich meinen nächsten Gast Stefan Niggemeier.
Haben Sie Heute schon die Bild gelesen?

Stefan Niggemeier: Guten Tag und Danke für die Einladung!

Nur flüchtig drin geblättert habe ich heute in der “Bild”. Es ist nicht so, dass ich jeden Tag mit der “Bild”-Zeitung beginne, und an manchen Tagen fällt mir abends auf, dass ich sie gar nicht gelesen habe. Ich glaube, alles andere, jede feste Routine (Aufstehen, Anziehen, “Bild” lesen, Kaffee trinken…) würde mir auch sehr schlechte Laune machen. Dafür gibt’s ja Kollegen, die auch die Zeitung durchlesen, und vor allem: die ganzen Leser. Inzwischen habe ich ein ganz gutes Vertrauen, dass wir auf die richtigen Hämmer ebenso wie auf den vielen Kleinkram von irgendwem hingewiesen werden, ohne dass wir selbst jeden Artikel durchackern müssen. Wobei man selbst immer noch mal andere Sachen entdeckt als die, die dann das Postfach verstopfen.

Bloggerator: Ist der (das) Bildblog eigentlich in Gefahr, wenn man solche News liest könnte man es meinen:”…dieser kleinen, elitären Runde mit homöopathischer Größenordnung…” (Quelle: Turi)?

Stefan Niggemeier: Im Gegenteil: Ich finde es erstaunlich, dass “Bild”-Sprecher Tobi Fröhlich mit solchen Formulierungen so offen zeigt, wie genervt “Bild” von uns ist. Wenn die uns wirklich als kleine, vernachlässigenswerte Klitsche sehen würden, würden sie doch nicht rumlaufen und öffentlich erklären, dass wir eine kleine, vernachlässigenswerte Klitsche sind. Klingt doch sehr unlässig: “homöopathische Größenordnung”. (Leider bin ich gerade nicht auf dem Laufenden, wie “Bild” zu Homöopathie steht: Ob die nicht erstaunlicherweise Wunder wirkt und so. Egal.)

Außerdem werden es täglich mehr Leser, und wenn wir “Bild” wären, hätten wir längst unter der Überschrift “MINUS-AUFLAGE” eine Tabelle veröffentlicht, wann bei der jetzigen Entwicklung die Leserkurve von BILDblog die von “Bild” kreuzt. (Okay, es wird schätzungsweise eher gegen Ende des Jahrhunderts werden…)

Bloggerator: Bildblog ist in Deutschland das größte Blog, was Besucherzahlen angeht. Können sie davon schon leben? Die Frage der Finanzierung von Blogs ist ja gerade stark am köcheln in der Blogosphäre..

Stefan Niggemeier: Leben können wir davon kaum. Wir können uns etwas zahlen, das man vielleicht eine “Aufwandsentschädigung” nennen kann, aber eigentlich nicht “Honorar” oder gar “Gehalt”. Aber ich bin sicher, dass sich das ändern wird. Wir haben ja jetzt mit Sternzeit Media einen richtigen Vermarkter, und der ist gerade damit beschäftigt, uns den Mediaagenturen vorzustellen. Anscheinend gibt es noch sehr, sehr viele Leute, die noch nie in ihrem Leben etwas von BILDblog gehört haben (größtes Blog hin oder her), und anscheinend ist das ein eher langwieriger Prozess, von den Anzeigenkunden wahrgenommen und am Ende womöglich sogar gebucht zu werden.

Meine persönliche (laienhafte) Rechnung geht so: Wenn ich unsere Leserzahlen, Page Impressions und so mit den üblichen Werbepreisen im Internet hochrechne, müssten wir reich werden. Da es sich dann aber doch viele Unternehemen nicht mit Springer verscherzen wollen (und andere nicht wissen, was dieses Blogdings überhaupt ist und sich nicht trauen, dafür Geld auszugeben), ziehe ich davon die Hälfte bis Dreiviertel ab, und wir werden nicht reich, sondern können ganz okay halbwegs davon leben. Das wär’s doch!

Bloggerator: Sie sind ja auch Journalist. Was halten sie von der Diskussion Blogger vs. Journalisten? Muss die Medienbranche wirklich Angst vor der Bloggerwelle haben..

Stefan Niggemeier: Oh je, da gibt es so viele Missverständnisse und Ressentiments, dass ich mir nicht zutraue, das in einer Blogtalk-Antwort zu beantworten. Aber ich versuch mal ein paar Gedanken.

Also: Ich glaube, die Medienbranche muss keine Angst vor der Bloggerwelle haben – aber sie muss und wird sich ändern. Das hat nicht nur mit den Blogs zu tun, sondern mit dem Internet insgesamt. Vor zehn, zwanzig Jahren war es ja wirklich so, dass die Journalisten alles wussten, alle Agenturmeldungen, alle Original-Dokumente, alle Kontakte zu den handelnden Personen, und die Leser nichts. Daraus entstand ein Abhängigkeitsverhältnis, eine Macht, eine gewisse Unangreifbarkeit von Journalisten, die es heute einfach nicht mehr gibt. Heute sind die Agenturmeldungen überall im Netz, viele Originalquellen finden sich über eine schlichte Google-Suche und ggf. bekommt man sogar leichter Kontakt zu den handelnden Personen. Die Unangreifbarkeit, die weitgehende Unüberprüfbarkeit ist dahin. Darauf müssen die Journalisten sich einstellen: Müssen transparenter arbeiten, sich Kritik stellen, eigene Fehler einräumen, mit den Lesern kommunizieren, statt nur auf sie herabzublicken.

Aber wenn sie das tun, muss ihnen überhaupt nicht bange sein, denn die guten Journalisten haben den Bloggern und sonstigen Laien ja auch in Zukunft immer noch etwas voraus: Sie können Sachverhalte verständlich zusammenfassen, haben – im besten Fall – Fachwissen, Erfahrung, gute Kontakte, Ressourcen, Archiv und natürlich Zeit und Geld, um Dingen nachzugehen, denen viele Freizeitjournalisten oder Blogger nicht nachgehen können.

Bloggerator: Wenn man die Ängste auf Verlagsseite und die Chancen als Blogger vergleicht, müsste doch eigentlich ein Kompromiss zu finden sein, wie könnte der aussehen? Es gibt ja einige kreative Köpfe unter den Bloggern und natürlich auch bei den Verlagen..

Stefan Niggemeier: Nein, was für ein “Kompromiss” sollte das sein?

Man wird eine Form friedlicher Koexistenz finden — hätte ich fast geschrieben, aber das ist auch Quatsch. Ich glaube, es wird eine Foirm unfriedlicher Koexistenz geben. Blogger werden versuchen, den Journalisten nachzuweisen, dass die Blödsinn schreiben. Oder sie werden schlicht die Journalisten ignorieren und selbst aufschreiben, was ihrer Meinung nach aufgeschrieben gehört. Und Journalisten werden versuchen, es besser aufzuschreiben als die Blogger. Oder sie werden sich Kritik von den Bloggern zu Herzen nehmen. Oder zum Ergebnis kommen, dass die Kritik Blödsinn ist, wie auch immer. Aber das fruchtbare wird sein, dass da eine Form von Konkurrenz entsteht. Nicht in der Form, dass Blogger die Journalisten arbeitslos machen oder Blogs die Tageszeitungen ersetzen. Aber dass beide einander kritisch beäugen und gegebenenfalls auf die Finger hauen. Oder, wenn es sich lohnt, voneinander abschreiben.

Irgendwie so. Aber alles andere als ein “Kompromiss”.

Bloggerator: Sie haben einen sehr interessanten Artikel im Januar 2006 geschrieben “Digitale Revolution“. Gab es danach eigentlich Reaktionen von den klassischen Medien, wie Fernsehen usw.? Eine ihrer Thesen war “..Wer auf bravo.de die Titelgeschichte anklickt, kommt nicht zum zugehörigen Artikel, sondern muß sich noch ein halbes Dutzend Mal durch verschachtelte Menüs klicken…Dahinter steckt der Versuch, dem Publikum den Abschied von den etablierten Vertriebswegen so unattraktiv wie möglich zu machen..”.

Stefan Niggemeier: Die Formulierung “Reaktion von klassischen Medien” ist ja schon ein Widerspruch in sich. Klassische Medien “reagieren” doch nicht.

Okay, das ist übertrieben, aber einer der größten Fehler der “klassischen Medien” ist der Versuch, ihrem Publikum den Wechsel ins Internet so unattraktiv wie möglich zu machen. Anstatt das neue Medium zu umarmen und zu versuchen, die Vorteile, die es bietet, den eigenen Lesern und Zuschauern zugänglich zu machen.

Natürlich müssen die Medien dabei versuchen, dass ihre Erlöse, die ja meist an den alten Vertriebswegen hängen, nicht völlig wegbrechen. Aber der Gedanke, dass man dadurch in einer neuen Medienwelt überlebt, dass man den Leuten das neue Medium so unpraktisch wie möglich macht und unterwegs so viel Geld wie möglich einsackt, ist wirklich abwegig.

Um es konkret zu machen: Bild.de macht aus “Bild”-Tabellen eine Galerie zum Durchklicken: Wenn die gedruckte Tabelle 100 Zeilen hat, zum Beispiel für jedes Alter eine, macht Bild.de daraus 100 einzelne Seiten. Und wenn ich die Zeile zum Alter 50 suche, muss ich 50 mal klicken. Das bringt kurzfristig Gewinn, weil ich meinen Werbekunden beeindruckende Klickzahlen zeigen kann. Aber ich bin fest überzeugt: Auf Dauer werden die Menschen sich abwenden von Medien, die sie so verarschen. Und das ist kein Bild.de-Phänomen, sondern in verschiedenen Formen bei ganz vielen Online-Ablegern von klassischen Medien zu sehen.

Bloggerator: Um mal wieder auf Blogs zu schwenken, ist ein Grund für die Bloggerei vielleicht eben diese Nachlässigkeit bzw. das Nichtwollen der klassischen Medien im Internet Fuss zu fassen? Die Musikindustrie hat ja im Grunde die Onlinemusikliebhaber auch lieber in P2P-Börsen laufen lassen, anstatt sinnvolle Onlineangebote zu machen..

Stefan Niggemeier: Ich glaube, eine der größten Gefahren für die klassischen Medien besteht darin, dass der Eindruck entsteht: Klassische Medien veröffentlichen Dinge, um damit Geld zu verdienen. Blogger veröffentlichen Dinge, weil sie etwas zu sagen haben. Das wäre auf Dauer tödlich für die klassischen Medien.

Aber das muss ja nicht so sein. Ich glaube, viele Journalisten sind auch Journalisten geworden, weil sie etwas zu sagen haben. Das muss bei den klassischen Medien wieder im Vordergrund stehen. Die Finanzierung, das Geschäft, ist doch nur das Mittel zum Zweck.

(Puh, ganz schön fundamental irgendwie, dieser Talk. Und das bei der Hitze. Liegt das an mir?)

Bloggerator: Also die Hitze und meine Fragen liegen nicht an Ihnen..eher an mir.. :-)
Aber mal was anderes, sie schreiben ja immer wieder über Fernsehdinge, wie oft schauen sie da eigentlich in die Röhre (ins Plasma)? Macht das noch Spass..

Stefan Niggemeier: (Schon noch in die Röhre, nichts ins Plasma. Ich habe mir zwar gerade erst vor ein paar Wochen einen neuen Fernseher gekauft, weil der alte einfach nicht mehr ansprang, und festgestellt, dass einen im Laden 7039 verschiedene Plasma-Geräte anlachen, während sich die letzten die letzten 3 Röhren-Fernseher in der Ecke schämen, aber irgendwie hatte ich zuviele Stiftung-Warentest-Tests gelesen, wo drinstand, dass man noch keinen Plasma kaufen soll, weil das alles noch nicht so ausgereift sei etc. … wo war ich?)

Ach ja: Fernsehen. Ja, ich bin ein schrecklicher Zapper. Ich komme nach Hause, lege mich aufs Sofa, ignoriere die Fernsehzeitschrift (wenn überhaupt eine da ist) und schalte blindwütig durchs Programm. Das ist irgendwie unbefriedigend, und gleichzeitig sehr entspannend.

Das richtig tolle Fernsehen, Sendungen zum Heulen und Lachen und Mit-Freunden-Gucken und Immer-wieder-alleine-Gucken, das kommt dann doch meist nicht im deutschen Fernsehen, sondern von DVD oder aus dem Netz.

Bloggerator: Wie war die WM?

Stefan Niggemeier: Welche WM?

Bloggerator: Ups..ich meinte die Fussball-WM?

Stefan Niggemeier: (War nur ein kl. Scherz. Entschuldigung.)
Bei Fussball fehlt mir ein bisschen die Leidenschaft, aber ehrlich gesagt war ich froh, als dann wenigstens endlich WM war. Ich fand als Fussball-Muffel die 4 Wochen WM viel erträglicher als die (gefühlt) 400 Jahre Countdown-zur-WM.

Bloggerator: (soll ich das geklammerte löschen?).
Was für Sendungen stehen bei Ihnen auf der “Must-Guck-Liste”?

Stefan Niggemeier: (Nö.)

Ich liebe “Malcolm mittendrin”, “Six Feet Under” und “Dittsche” (halte den aber nicht immer ganz durch). Ich gucke immer wieder gerne “Wer wird Millionär”, “Zimmer frei”. Ich habe “Ally McBeal” geliebt (bis auf die letzte Staffel). Ich mag “Pastewka” und habe mich inzwischen ein bisschen an “Stromberg” gewöhnt.

Neulich habe ich eine alte Sendung mit Prof. Heinz Haber gesehen, der frei, ohne Manuskript und Teleprompter, in die Kamera sprach und Venus und Mars erklärte – das war sensationell. Da saß ich mit offenem Mund davor und hab die Fernbedienung nicht mehr berührt.

So richtig “Must-Guck” habe ich im dt. Fernsehen gerade nicht. Im amerikanischen war da als letztes noch “Arrested Development”.
Ich kann mich auch für Gameshows begeistern, aber davon gibt’s auch gerade wenig inspiriertes. Bei “Geh aufs Ganze” mit Jörg Draeger hatte ich so eine Faszination des Grauens. Das war toll. Und furchtbar. Und doch toll.

“Bella Block” ist oft toll. Und um mal etwas weniger unoriginelles zu sagen: Im NDR-Fernsehen “Landpartie”. Provinz-Fernsehen, ganz unprätentiös und warm und menschlich gemacht.

Bloggerator: Dittsche ist ganz Groß! Obwohl der mir auf jeden Fall meine “Weltfragen” geklaut hat.
Was ist mit “Atlantis” und “SG1″, “Battle Star Galaktica”, “Deadwood”, “Firefly”? Schon gesehen? Die Staffeln gibts auf DVD..

Stefan Niggemeier: Science-Fiction ist nicht so meins. [Werbung] Das war eine schwere Geburt, dass unsere Science-Fiction-Einträge im “Fernsehlexikon” Sinn und Verstand hatten und nicht mehr nur merkwürdig irgendwelche Handlungsstränge aufzählten, sondern auch den Kern einer Serie trafen. [Werbung Ende]

Bloggerator: Deadwood ist Western. Kann ich nur Empfehlen, großes Kino in kleiner Serie.
Gibt es schon einen Nachfolger für Gottschalk oder Wer könnte es werden? MC Winkel wills ja machen…

Stefan Niggemeier: Olli Geißen wills bestimmt auch machen. Und Kerner fänd’ bestimmt auch noch Zeit. Aber warum soll Gottschalk die nächsten 30 Jahre aufhören?

“Wetten dass” ist eines der ungelösten Rätsel des deutschen Fernsehens. Warum gucken sich das immer 15 Millionen Menschen an? Wie halten die diese endlose Reihe der Fremdschäm-Momente auf dem Sofa aus? Früher, bei der “SZ”, kam regelmäßig freitags abends der Anruf: Du, wir brauchen noch einen Aufmacher für Montag. Kannst Du Dir nicht “Wetten dass” angucken und 160 Zeilen drüber schreiben? Ich hab’s gehasst.

Das Genre gibt’s immer noch auf den Medienseiten: Die Wetten-dass-Kritik. Ich glaube, keine andere Sendung wird nach jeder Ausstrahlung besprochen. Und die Kritiken sind natürlich noch langweiliger als die Sendung selbst.

Bloggerator: MC Winkel würde es sicherlich aus dem Langeweil-Loch reissen..
So wir sind jetzt gut 2 Stunden dabei, ich Bedanke mich bei Ihnen und natürlich auch bei den anderen Gästen. Zum Schluss noch die schwierigste Frage: Ist die Welt Scheisse oder liegt das nur an den Sendern, wie ARD, ZDF, RTL, Sat1, Pro7 usw.?

Stefan Niggemeier: Klare Antwort: So scheiße wie bei ARD, ZDF, RTL, Sat1, Pro7 ist die Welt nicht. Aber so großartig wie bei ARD, ZDF, RTL, Sat1, Pro7 auch nicht.

Darf ich mein Buch nochmal in die Kamera halten?

Danke!

One comment

  1. [...] Sie sagten einmal, die größte Gefahr für die Presse ist die Denke der Leser: „Klassische Medien veröffentlichen [...]

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