Liebe Leser, am 07.09.06 ab 20:00 Uhr findet hier in diesem Blog Live, in Farbe und Stereo, die nächste Blogtalk-Show statt. Der Weltherrscher lädt ein, der nächste Gast ist Julio Lambing von “Axonas – ein Versuch…“…
Wer Lust und Laune hat den Blogtalk am 07.09.06 ab 20:00 Uhr zu besuchen, der sollte diesen Artikel im Auge behalten. Wie das geht? Ganz einfach, diesen Artikel öffnen und ab und zu Aktualisieren (F5). Die Fragen und Antworten werden im Hintergrund gestellt und dann von mir hier eingefügt werden. Meine Untertanen können übrigens in den Kommentaren gerne auch Fragen stellen, quasi aus dem Off, aber schneller und besser, nicht vergessen wir sind im Internet..:-))
Themen sind keine festgelegt. Es ist nicht einmal klar, ob die Antworten, die Julio beabsichtigt zu geben (”irgendwas zu magischer Polymythologie, Schönheit, techne tou biou”) , in irgendeiner Form zu den Fragen passen, die ich stellen werde. Wir werden sehen, wie weit meine Allwissenheit und Allmacht reicht, das in kosmische Harmonie zu bringen.
Blogtalk heute mit Julio Lambing ab 20:00 Uhr:
Bloggerator: Ich grüße meine UntertanInnen und natürlich meinen nächsten Gast Julio Lambing.
Der Text bzgl. der Blogtalk-Themen, der ja von Dir ist, hat doch etwas nebulöses. Worüber
wollen wir denn jetzt so talken?
Julio Lambing: Oh, es hat schon angefangen!? Ich grüße den erlauchten Welttransformator. Und die sicherlich in Heerschaaren erschienenen Leser. Das Thema? Ich dachte, wir haben uns doch im Vorfeld auf einen guten Kompromiß geeinigt: Du fragst etwas und ich werde mit “irgendwas zu magischer Polymythologie, Schönheit, techne tou biou” antworten?
Bloggerator: Verdammt, ich hatte es geahnt. Was ist denn “techne tou biou” z.B. genau? Du hattest mir das zwar mal am Telefon erklärt, aber mein Alter, mein Gedächtnis..
Julio Lambing: Ich wußte, daß du uralt sein mußt. Über die Äonen vergisst man da vermutlich so manches. Geht Satan, Jehova oder Odin vermutlich ähnlich. “techne tou biou” bedeutet Lebenskunst, Kunst zu leben, “ars vivendi”. Das bezieht sich auf ein bestimmtes praktisches Wissen, eine Fertigkeit glücklich oder edel, schön, gut zu leben.
Bloggerator: Was für ein praktischen Wissen denn genau, hast Du da evtl. ein paar Ratschläge? So als Deutscher lebe ich ja nur dann gut, geht man nach den klassischen Medien und ihren Verlautbarungen, wenn ich wohl täglich einmal oder besser x-mal nörgel..
Julio Lambing: Also Ratschläge dazu, wie man glücklich leben kann, damit ist die Weltliteratur voll. Man findet schon in der Antike Ratgeber, wie man mit der erotischen Lust am klügsten umgeht, wie man sich ernährt, wie man mit Leid umgeht, im Gleichmut bleibt etc. Heutzutage sind wir durch die Psycho- und Therapieliteratur überschwemmt mit Ratgebern zum glücklichen Leben: Ratgeber, wie man gesund egoistisch ist, wie man ungesund egoistisch ist, wie man als böse Frau in den Erfolgshimmel kommt, wie man eine Partnerschaft führt, wie man im Bett ganz kreativ und spontan und leidenschaftlich wird etc.
Solche praktischen Ratschläge interessieren eigentlich weniger. Mich interessiert eher, was der soziale und “lebenstechnische Hintergrund” hinter solchen Techniken des guten Lebens ist und wie dieser Hintergrund wirkt. Also welche Folgen es für uns hat, daß z.B. die Psychologie die dominierende Tradition geworden ist, die das begriffliche Instrumentarium für die heutige Künste des Lebens liefert und welchen Schaden diese Dominanz anrichtet.
Ob die Deutschen jetzt besonders nörgeln? Letztens habe ich noch irgendwo die Selbstanklage eines Dänen gelesen, daß sein Volk doch immer so nörgelig sei. Ich glaube, daß man solche Themen wie gute Lebensweisen heute eh nicht auf der Ebene von „Nationalcharakter“ abhandeln kann. Das wird dann das übliche Nationalkulturbashing und Nationalkulturgefeiere – wenig ergiebig, weil abgedroschen und voller Klischees. Ich finde es spannender zu schauen, ob es kleine innovative Milieus – Subkulturen, Traditionen etc. – gibt, die eine eigene Lebenskunst entwickelt haben und ob man von denen was lernen kann.
Bloggerator: Ich fühle mich schon gut und auch edel, wenn ich z.B. so Songs wie “Torture me” von den Red Hot Chili Peppers von der CD “Stadium Arcadium” höre. Ist das schon ein Schaden meiner individualierten Dominanz? Welchen Schaden gibt es denn sonst zu sehen, was meinst Du genau damit?
Julio Lambing: Wenn du dich gut und edel fühlst, wenn’s um “Torture me” geht, war ja meine Anspielung zum Belzebub nicht weit hergeholt. Die Satanisten sind ja zum Beispiel so ein Lebensmilieu, das ganz eigene Lebenskünste pflegt. Hochmodern, wenn du mich fragst, konsequenter Ausfluss der Moderne: Deren Tipps, lässt man mal das kultische Darkdark-Primborium weg, sind so weit weg nicht von Mainstream-Lebenshaltungen. Konsequente Selbstbezogenheit. Und das ist auch eine durchaus anerkannte und dominante Lebenshaltung. Ansonsten habe ich eher auf das psychologische Sprachspiel und seine Dominanz angespielt.
Bloggerator: Na das mit dem Satan ist ja so oder so gerade wieder in. Für mich aber nur Sonntags.
Woher kommt eigentlich DER Satan?
Julio Lambing: Wie meinst du das?
Bloggerator: Wer hat den Satan erfunden? Warum die Figur Satan? Welche Ziele wurden mit der Einführung dieser Figur umgesetzt? Brauchen wir Heute eigentlich nicht unbedingt in echt einen Satan, wenn man bedenkt, daß ja das Christentum die Welt regiert und trotzdem soviel schief läuft? Oder gerade deswegen…
Julio Lambing: Also ich weiß nicht, ob Satan erfunden wurde. Derjenige, der einen rationalen Beweis dafür bringt, daß dem so ist, sollte meiner Meinung nach mit hohen Ehren ausgestattet werden. Ich kann ungefähr sagen, wann er auftaucht. Irgendwann im sechsten Jahrhundert v. Chr. unter dem Namen “Ahriman”. Dann dümpelte er so vor sich hin. Bei den Juden hatte er eine Art Kollegen, der ist aber eher ein Freund von Jehova: Er ist bei Hiob der Ankläger am Hofe, eine qua Funktion miesepetrige Type, aber durchaus sinnvoll und geachtet. Irgendwann kurz vor dem Auftreten Jesu schubst der alte Ahriman aber den Miesepeter zur Seite und wird selbst so richtig fies.
Dann gab es noch ein paar Götter bei den Kelten, Römer oder Griechen, die bekamen mit der Zeit auch den Ruf, Satan zu sein. Dann immer noch auch einen Luzifer, den hat man dann besonders gerne mit Satan in einen Topf geworfen. Aber vor zweihundert Jahren etwa setzte sich dann in bestimmten Subkulturen die Überzeugung durch, daß Luzifer eher ein ganz netter ist, arg verstandesbetont, aber eigentlich derjenige, dem die Menschen die Freiheit verdanken. Jetzt rennen also eine ganze Reihe Typen herum, von denen man sagt: Das ist Satan, was die Sache nicht unbedingt leichter macht.
Bloggerator: Luzifer ist ein Guter? Hm? Ich wusste es ja schon immer..:-)
Was ist magische Polymythologie? Was muss man sich da vorstellen…
Julio Lambing: “daß Luzifer ein Guter ist”, sagen seine Fans. Für meinen Geschmack ein durchaus parteiisches Urteil.
Magische Polymythologie? Polymythologie meint den Zustand, daß nicht eine große Geschichte bei einer Person oder Gruppe vorherrschend ist (also ein Mythos, der der allein gültige ist), sondern diverse Mythen, die nebeneinander existieren. Mehrere Geschichten, die die Welt, das Leben und uns selbst erklären. Magisch wird die Polymythologie dann, wenn man annimmt, daß eben auch magische Erklärungen oder Beschreibungen zulässige Geschichten sein können. Oder auch, daß man die Vielzahl der Mythen als magisches Moment einsetzen kann.
Polymythologisch ist es z.B. wenn man annimmt, daß es zugleich Ahriman, Luzifer, Satan, Pan, den Gehörnten, Loki und den Gott der Mormonen gibt. Und daneben Elementarteilchen, ostsibirische Kampfmonster, logische Quantoren und GmbHs.
Bloggerator: Sind Blogs was magisches oder gar Milieus? Ich möchte mal die Bloggeria ins Spiel bringen..
Julio Lambing: Fein, dann kommen wir ja noch zum Stichwort “Schönheit”. Passt doch mit deinen Fragen und meinen Antworten.
Ein Milieu ist die Blogosphere auf jeden Fall – wenn auch vielleicht nicht eines, sondern mehrere: Das was auf der Blogroll von ronsens oder Jens Scholz oder nerdcore zu finden ist, scheint mir irgendwie ein anderes Milieu zu sein, als das was es auf MySpace oder myblog gibt. (Ich bin kein Kommunikationssoziologe wie Jan Schmidtund auch kein altgedienter Blogger, deshalb sind meiner Aussaugen zu dem Thema auch nicht sonderlich qualifiziert.) Aber man sieht ja wie sich da eine Szene herausbildet, die sich ihre eigenen Standards an Vortrefflichkeit schafft, Gebräuche und Reaktionsweisen.
Ob Blogs etwas magisches sind? Ich glaube nicht. Auer diejenigen, die absichtsvoll poetische Realitäten erschaffen möchten (wie das von Alban Nikolai Herbst), immer auch eine magische Agenda im Hintergrund haben (wie vermutlich das von Jens Scholz) oder gleichsam beschwörend arbeiten (wie das von Don Alphonso).
Bloggerator: Julio, wollen wir einen zweiten Teil machen? Ich hatte es ja schon angedroht.. :-)
Frage von Julius H. (Euer Wunsch ist mir Befehl:):
“…wenn, dann würde ich fragen, ob Julio meint, den hohen Erwartungen, die er ans Bloggen stellt, selbst gerecht zu werden..”
Julio Lambing: Gerne. Ich weiß zwar nicht, ob meine Geschwätzigkeit jetzt so erhellend ist, aber warum nicht? Nur die Frage von Julius, da würde ich mich freuen, wenn du nocheinmal aufgreifen könntest. Die finde ich wichtig.
Bloggerator: Hab sie schon gestellt..:-)
Ich finde es erfrischend, von daher will ich einen zweiten Teil!
Julio Lambing: Julius spielt ja auf den Text an: “Geschwätzigkeit des Bloggens dämmt nicht den Stumpfsinn ein.” Ich habe das geschrieben, als ich mal wieder auf irgendeiner Seite irgendwelche Klischees über Naturheilkunde, Homöopathie etc. gelesen habe. Und irgendwo anders das übliche Geschwätz über Intelligent Design. Und nocheinmal bestätigt bekam, daß die Bloggerszene nicht in der Lage ist, ihre eigene Erfahrung von Konfrontation mit Vorurteilen, miserabler Berichterstattung und endloser Klischeereproduktion auf andere ungewöhnliche oder häretische Lebensstile, Praktiken, Weltanschauungen, Wissenschaftstheorien etc., zu übertragen.
Das kritische Denken ist aber nichts was angeboren ist. Und selbstverständlich bin ich auch nicht davor gefeit, Stereotypen und Klischees über Häresien zu verbreiten. Ich bin dankbar dafür, wenn man mich (mit Argumenten!) darauf aufmerksam macht. Was mein Urteilen allerdings trägt, ist ein grundsätzlicher Vorbehalt, wenn ich mit Urteilen über Randzonen unserer Kultur konfrontiert werde. Einfach weil ich um die Neigung von manchen Mythen weiß, alleiniger Mythos, alleinige, allumfassende Geschichte zu werden.
Bloggerator: So, wir sind jetzt ca. 2,5 Stunden im ersten Teil dabei. Ich bedanke mich bei allen und hoffe ihr kommt auch zum zweiten Teil.
Termin für den zweiten Teil setze ich dann später hier rein, schreibe aber auch noch einen Startseitenartikel dazu. Vielen Dank!
Julio Lambing: Ich bedanke mich ganz herzlich beim Bloggerator für das unterhaltsame Gespräch und auch bei den Lesern Frisuren-Ludwig, Hokey, Spreewahn, Julius, Superping und die Holdeste. Bis dann..
Ich hab mich durchs blogtalk-Archiv gewühlt, und nichts gefunden. Daher meine Frage: warum interviewt ihr eigentl. nicht den grossen Outsider im blogbetrieb, den Macher der 500 Beine?
Das wäre mal spannend.
nase am 7. September, 2006