Es ist Montag, der Tag nach dem Bundesparteitags-Disaster der Piratenpartei. Was mich übrigens nicht daran hindern wird, die Piratenpartei dennoch zu wählen. Im Moment sehe ich großes Potential in der Piratenpartei, langfristig Veränderungen in den Berliner Parteiensumpf zu bringen.
Vorab aber noch ein strategischer Hinweise auf die k-Parteien (klassische Parteien: CDU/CSU/SPD und die anderen):
Viele haben sich gewundert, ich auch, aber nur eine kurze Zeit, was da gerade in Berlin vor allem mit der SPD im Zusammehang mit “Zensursulagate” abging?
Wie konnte eine SPD da zustimmen?
Warum hat die SPD nicht ihren alten klassischen sozialen Weg (Stärkung der Bürger) verfolgt?
Und all die anderen Fragen…
Die CDU-Strategie:
Eigentlich eine recht einfache, aber durchaus wirksame Strategie wird in der CDU/CSU gefahren: Die SPD im Zusammenhang mit Zensusulagate vor die Wahl stellen, entweder mitziehen oder eben die geballte Springer-Hetze erleben. Das die Zensursulastrategie insgesamt ein Fass von Schäuble (und die dahinter stehenden Interessen, also deutlich mehr Kontrolle des Internets zum Wohle der Medienindustrie) ist, dürfte mittlerweile klar sein. Schäuble wurde vor Zensusulagate massiv auch und gerade im Internet angegriffen für seine Aussagen. Die CDU musste also handeln, sprich ihn aus dem “Politverkehr” ziehen. Da kam Zensursula gerade recht. Auch das Thema war perfekt, wer dagegen ist, ist für Kinderpornografie. Punkt. Das alte Bush-Lied.
SPD-Strategie:
Uuuuuhhhh was tun, was tun?
Die SPD, das sind alte Parteihaudegen, sind bzgl. strategischer Planung auch nicht ohne, denn was da gerade alles passiert, spielt der SPD insgesamt Bälle zu. Man muss bedenken, dass die SPD sich ihrer Lage sicherlich bewusst ist: Gegen die starke Medienkanzlerin Merkel (die von den ganzen konservativen Verlagen kritiklos hofiert wurde/wird, man muss sich nur die Mär ihres “Könnens” anschauen, was gerade in diesen Blättern propagiert wird) hat die SPD nichts, ausser eben etwas Strategie aufzubieten. Da kam Zensursulagate gerade recht.
Die aktuelle Lage ist ja nicht nur die “starke” Kanzlerin, sondern auch und vielmehr die erstarkende Linke. Die SPD ist diesbzgl. angreifbar geworden. Man hat es besonders gut hier in Hessen verfolgen können, wie die CDU das Verhältnis der SPD zur Linken zum Wahlkampfthema gemacht hatte: Wer SPD wählt, wählt auch die Linke! Die Forderungen der CDU waren ja nicht umsonst, dass die SPD klare Koalitionsaussagen bzgl. der Linken treffen sollte vor der Wahl.
Die SPD hat insgesamt ein Problem mit der Linken, denn die CDU wird weiterhin dieses “Ding” reiten. Es sei denn…
Gibt es da evtl. eine Absprache zwischen der CDU und der SPD: Wir (die SPD) unterstützen eure Zensursulafeuchtträume, ihr (die CDU) werdet das Thema SPD und Koalitionsaussagen bzgl. der Linken nicht mehr als Wahlkampfthema propagieren. Da sollten Journalisten mal nachhaken!
Weiterhin ist das Thema Zensursulagate dennoch auch günstig für die SPD, denn durch den vorhersehbaren Aufruhr im Internet werden viele potentielle Linke-Wähler doch die Piratenpartei wählen und so der Linken ein Stück vom Kuchen nehmen. Die Linke ist gerade übrigens nicht umsonst in der medialen Versenkung verschwunden. Das Thema “Zensursulagate” kann die Linke nicht anfassen. Egal wie sie dazu stehen würde, es wäre unklug, sich überhaupt dazu zu äussern. Also ist gemeinsames Schweigen angesagt. Die SPD schweigt natürlich nicht, sie ist ja längst Teil der Strategie geworden. Da verwundert es auch nicht, dass die SPD plötzlich Dinge der CDU unterstützt (Überhangmandate, die Zeit hat hier übrigens die übliche mediale Kinderstrategie aufgetischt. Die Zeit Journalisten sollten sich schämen, so viel Dummzeugs zu schreiben!) die ihr ja “eigentlich” schadet. In Wirklichkeit schadet es der SPD aber nicht, denn wir werden noch mehr “Merkwürdigkeiten” erleben. Ein Hauptziel der SPD wird sein, die Piratenpartei (und damit die potentielle Protestwählerschaft in Deutschland) zu stärken. Stärken bedeutet nämlich, im Sinne der SPD-Strategie, dass möglichst viele Wähler mobilisiert werden. Viele Wähler bedeutet für die SPD, dass die CDU insgesamt geschwächt wird.
Denn Fakt ist, dass die CDU vor allem von dem, ich nenn es mal Omawahlfaktor, profitiert. Die alten Omas und Opas gehen eben aus Tradition zur Wahl, während die angepissten (sehr viele junge Menschen) lieber zu Hause bleiben und gar nicht wählen (siehe Europawahl), d.h. wenn die SPD die junge Nichtwählerschaft in die Wahlkabinen bringt, nützt es der SPD und schadet der CDU. Übrigens unabhängig davon, was die junge Wählerschaft wählt (natürlich nur in Grenzen).
Mehr Wähler bedeutet eben, dass die Ergebnisse für die CDU angepasst werden, also im Verhältnis schlechter werden. Die SPD fährt gerade also eine Strategie der Wählermobilisierung. Da gehören dann eben auch fiese Themen auf die Tagesordnung, die uns Wähler nur noch mit dem Kopf schütteln lässt.
Die Konservativen, die wissen das sie von einer geringen Wahlbeteiligung profitieren, führen diesbzgl. übrigens gerade eine Gegenstrategie: potentielle Wähler durch Horrormeldungen abschrecken. Ich hab nicht umsonst einen offenen Brief an den Bundeswahlleiter hier im Blog geschrieben. Meiner Meinung nach ist das eine direkte Wahlbeeinflussung!
Halten wir fest: Im Moment ziehen CDU und SPD gemeinsam an einem Strang, indem sie jeweils für sich Vorteile aus dem Aufruhr im Web ziehen. Weiterhin können wir festhalten, ich hatte es schon geschrieben, dieser Wahlkampf wird der dreckigste in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland werden, denn auch die klassischen Medien sitzen dieses Mal deutlich mit im Boot: Der Springerfuzzi hat nicht umsonst Zwangsabgaben für die deutschen Verlage gefordert!
Da wird in ganz naher Zukunft noch viel mehr kommen.
Kommen wir zu den Piraten:
Die Piratenpartei ist massiv Unerfahren im großen Politstrategiepoker. Das konnte man besonders an diesem Wochenende bei ihrem Bundesparteitag erleben. Da wurde ein medialer Fehler nach dem anderen gemacht. Anstatt medienwirksam die Ziele neu zu strukturieren (das Urheberrecht war und ist ein massiver Angriffspunkt, siehe die Lobo-TV-Taktik) hat die Piratenpartei es nicht geschafft, ihre Kernkompetenz “Bürgerrecht” klar und nachvollziehbar ins Internet zu “schaufeln”. Vermutlich sind sich die Piraten nicht bewusst, dass ihre Wählerschaft hauptsächlich nur im Internet zu suchen ist? Da wurde weder Zeitnah Video und Audio ins Netzt gestellt, noch nachvollziehbare Reden usw. usf. ..
Die Piraten haben eine einzige Botschaft durch ihren Bundesparteitag ins Netz befördert: Wir sind die Bürokratiebürokraten!
Vermutlich sass das halbe potentielle Wählerinternet vor ihren Bildschirmen (Blogs scannen usw.) und haben auf Gründe gewartet, die sie in ihrer Entscheidung “Ja, ich wähle die Piraten, weil…” forcieren würden. Die Piraten haben null Infos diesbzgl. ins Netz transportiert. Sie haben sogar vermutlich viele Wähler durch ihren unsinnigsten Bürokratismus, den sie da offen zeigten, verschreckt. Wenn die Piraten wirklich gewählt werden möchten, haben sie in der kurzen Zeit bis zur Bundestagswahl noch einiges zu tun. Ich hoffe für die Piraten, sie sind sich dessen bewusst?
Natürlich werden viele dennoch die Piraten wählen, aber ob das wirklich reichen wird?
Wenn man das realistisch betrachtet: Nein, auf keinen Fall!
Denn jetzt werden nicht nur die TV-Lobos loslegen, jetzt kommen auch noch die ganzen Blog-Lobos (Den Link zu Fixmbr bitte rauskopieren und in einem neuen Tab öffnen, Fixmbr sin bekannt dafür, dass sie andere Blogger und seien es nur Links aus dem Blog in ihrer htacces-Datei blockieren) dazu. Die deutlichere Worte im Bezug auf die “Schwachstellen” finden werden.
Den Piraten wird jetzt nur eins helfen:
Klare Aufklärung im Bezug auf ihre Schwachstellen.
Ist Bodo Thiesen ein Rechter: Ja? Nein?
Wenn Ja: Parteiausschluss.
Wenn Nein: Klares Statement von ihm und nicht so ein wischiwaschi Scheissdreck, den er da im Wiki formuliert hatte.
Geht endlich auf eure Wählerschaft zu, sprich: Animiert endlich mehr Blogger, über euch zu schreiben. Redet mit den BloggerInnen, stellt euch für Interviews, Videos, Audios usw. usf. zur Verfügung. Und hört endlich auf, diese Forderungen mit “soviel Zeit haben wir ja gar nicht” zu negieren. Wenn ihr wirklich gewählt werden wollt und das nicht nur aus Spass an der Freud’ macht, dann agiert endlich. Ihr habt eine breite Zustimmung im Web die ihr jetzt aber auch ausbauen müsst. Die Einschläge durch und mit den klassischen Medien werden noch nahe genug kommen.
Ihr müsst endlich mit mehr Strategie dagegen vorgehen. Die anderen Parteien machen es ja auch!
Handelt!
[Update]
Ist gerade via Twitter verlinkt worden: Der Fall Thiesen
[...] http://www.dieweltistscheisse.de/2009/07/06/etwas-mehr-strategie/ [...]
luto's status on Monday, 06-Jul-09 12:26:17 UTC - Identi.ca am 6. Juli, 2009